Annie Ernaux - Das Ereignis
Buchdaten

Titel: Das Ereignis
Originaltitel: L'Événement
Autorin: Annie Ernaux
Erscheinungsjahr: 2000
Genre: Autobiografische Erzählung · Memoir
Worum geht es?
1963 ist Annie Ernaux 23 Jahre alt und Studentin. Als sie feststellt, dass sie schwanger ist, steht für sie fest, dass sie die Schwangerschaft nicht fortsetzen möchte.
Doch Schwangerschaftsabbrüche sind im Frankreich dieser Zeit illegal.
Was folgt, ist die Suche nach einer Möglichkeit, über den eigenen Körper zu entscheiden, obwohl Ärzte nicht helfen dürfen oder wollen und eine legale medizinische Versorgung nicht existiert. Ernaux gerät in eine Situation, in der die gesellschaftliche und rechtliche Ordnung ihren Handlungsspielraum immer weiter verengt.
Jahrzehnte später schreibt sie über diese Erfahrung.
Das Ereignis erzählt deshalb nicht nur davon, was einer jungen Frau geschehen ist.
Es fragt auch, was es bedeutet, eine Erfahrung zurückzugewinnen, über die eine Gesellschaft lange vor allem mit Scham und Schweigen gesprochen hat.
Warum dieses Buch geblieben ist
Das Erschütternde an Das Ereignis liegt auch in der Einsamkeit, die um die Schwangerschaft entsteht.
Ernaux weiß, was sie möchte.
Aber zwischen dieser Entscheidung und der Möglichkeit, sie tatsächlich umzusetzen, liegt eine ganze gesellschaftliche Ordnung.
Ärzte. Gesetze. Moralvorstellungen. Geschlechterrollen. Soziale Herkunft.
Der eigene Körper ist plötzlich nicht mehr nur der eigene Körper.
Andere besitzen die Macht zu entscheiden, welche Hilfe erlaubt ist, welche Risiken eine Frau eingehen muss und welche Folgen ihre Entscheidung haben kann.
Bei Ernaux kommt noch etwas hinzu.
Sie hat begonnen, sich durch Bildung aus dem sozialen Milieu ihrer Eltern herauszubewegen. Das Studium eröffnet ihr die Möglichkeit eines anderen Lebens. Eine uneheliche Schwangerschaft droht diesen Weg abzubrechen. Der Verlag hebt genau diese Verbindung zwischen Schwangerschaft, Studium und Herkunft ausdrücklich hervor.
Damit wird Selbstbestimmung in diesem Buch nie abstrakt.
Sie entscheidet darüber, wer über die Zukunft eines Lebens verfügen kann.
Psychologische Lesespur
Eine psychologische Lesespur führt über Scham, Kontrolle und soziale Isolation.
Scham entsteht nicht einfach aus einem Ereignis selbst.
Sie entsteht auch durch Bedeutungen, die eine Gesellschaft diesem Ereignis gibt.
Eine ungewollte Schwangerschaft wird für Ernaux deshalb nicht nur zu einer körperlichen Erfahrung. Sie verändert ihre Position gegenüber anderen Menschen. Was mit ihr geschieht, kann nicht selbstverständlich ausgesprochen werden.
Das Schweigen isoliert.
Gleichzeitig versucht Ernaux, die Kontrolle über etwas zurückzugewinnen, über das andere verfügen wollen. Der eigene Körper wird dadurch zum Ort eines Konflikts zwischen persönlicher Entscheidung und gesellschaftlicher Macht.
Bemerkenswert ist, was Jahrzehnte später geschieht:
Ernaux schreibt.
Damit macht sie öffentlich, was gesellschaftlich verborgen bleiben sollte.
Das Schreiben beseitigt die Erfahrung nicht. Aber es verändert die Verfügung darüber.
Die Geschichte gehört nicht länger ausschließlich den Begriffen, Urteilen und dem Schweigen anderer.
Welche Erfahrung des Lebens macht dieses Buch sichtbar?
Das Ereignis macht sichtbar, dass Selbstbestimmung davon abhängt, ob eine Gesellschaft Menschen tatsächlich Möglichkeiten zur Verfügung stellt, Entscheidungen über ihr eigenes Leben umzusetzen.
Eine Entscheidung kann innerlich vollkommen klar sein.
Und äußerlich beinahe unmöglich.
Gerade deshalb erzählt Ernaux nicht nur eine individuelle Geschichte.
Ihr Körper befindet sich innerhalb gesellschaftlicher Verhältnisse: ihres Geschlechts, ihrer sozialen Herkunft, ihrer Zeit und ihrer rechtlichen Möglichkeiten.
Vielleicht liegt darin auch die besondere Kraft des Buches.
Ernaux schreibt nicht rückblickend aus sicherer Entfernung über eine junge Frau, die damals etwas durchstehen musste.
Sie kehrt zu einer Erfahrung zurück, die einmal mit Schweigen verbunden war, und gibt ihr Sprache.
Damit verschiebt sich etwas.
Was verborgen bleiben sollte, wird erzählbar.
Was als individuelle Scham erlebt wurde, wird als gesellschaftliche Erfahrung sichtbar.
Und aus einem Ereignis, das ein Leben beinahe aus seiner begonnenen Richtung gedrängt hätte, entsteht Jahrzehnte später Literatur.
Lesespuren
Dieses Buch ist ein Buch über:
Selbstbestimmung
über die Frage, wer entscheiden darf, was mit dem eigenen Körper und dem eigenen Leben geschieht.
Scham
über eine Erfahrung, deren gesellschaftliche Bewertung Menschen ins Schweigen drängen kann.
Weibliche Körper
über einen Körper, an dem persönliche Entscheidung, gesellschaftliche Moral und rechtliche Macht aufeinandertreffen.
Bildung als Ausweg
über ein Studium, das die Möglichkeit eröffnet, die Grenzen der sozialen Herkunft zu überschreiten – und plötzlich gefährdet ist.
Herkunft
über die materielle und soziale Wirklichkeit, die beeinflusst, welche Folgen eine Schwangerschaft für ein Leben haben kann.
Sprache und Erinnerung
über die Möglichkeit, eine lange zurückliegende Erfahrung durch das Schreiben neu in die eigene Lebensgeschichte einzuschreiben.
Wenn dich dieses Buch beschäftigt hat
Wenn dich besonders die Frage beschäftigt, wie gesellschaftliche Bedingungen über weibliche Lebensmöglichkeiten und den eigenen Körper mitentscheiden, könnten von hier weitere Lesespuren führen:
Brüste und Eier — Mieko Kawakami
Verbindet weibliche Körper, Mutterschaft und Selbstbestimmung mit der Frage, welche Vorstellungen von Frausein gesellschaftlich hergestellt werden.
Jane Eyre — Charlotte Brontë
Zeigt unter völlig anderen historischen Bedingungen eine Frau, die darauf besteht, dass äußere Abhängigkeit nicht anderen das Recht gibt, über ihr inneres Leben zu verfügen.
Jugend — Tove Ditlevsen
Erzählt von Bildung und Schreiben als Möglichkeit, sich aus den Grenzen sozialer Herkunft herauszubewegen.
Denkspur: Bildung als Ausweg
Verbindet Bücher über Menschen, für die Bildung die Möglichkeit eines anderen Lebens eröffnet – und darüber, wie fragil dieser Weg sein kann.
Regal
2 – Ich und die Welt
Denkspuren
Bildung als Ausweg · Starke Frauenlinien · Weggehen aus der Herkunft
Essays zu diesem Buch
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