Ulla Hahn - Das verborgene Wort


Buchdaten


Titel: Das verborgene Wort
Originaltitel: Das verborgene Wort
Autorin: Ulla Hahn
Erscheinungsjahr: 2001
Genre: Autobiografischer Roman · Entwicklungsroman

Worum geht es?

Hildegard Palm wächst in den 1950er-Jahren in einer katholischen Arbeiterfamilie im Rheinland auf. Ihre Welt ist geprägt von Familie, Kirche, körperlicher Arbeit, Dialekt und klaren Vorstellungen davon, welchen Platz ein Mädchen wie sie einmal einnehmen soll.

Doch Hildegard entdeckt früh etwas, das diese Ordnung verändert: Sprache.

Wörter faszinieren sie. Bücher eröffnen ihr eine Welt, die größer ist als diejenige, die für sie vorgesehen scheint. Sie beginnt zu lesen, zu lernen und nach einer Sprache zu suchen, mit der sie nicht nur die Welt anders verstehen, sondern auch sich selbst anders denken kann.

Damit gerät sie zunehmend in Konflikt mit ihrer Herkunft.

Das verborgene Wort erzählt von einem Mädchen, das sich durch Bildung und Sprache einen eigenen Weg erschließt – und dabei erfahren muss, dass Aufbruch auch Distanz zu den Menschen bedeuten kann, zu denen man gehört.

Warum dieses Buch geblieben ist

Bildung erscheint in diesem Roman nicht einfach als gesellschaftlicher Aufstieg.

Sie verändert Hildegards Verhältnis zur Welt.

Mit jedem neuen Wort entsteht eine Möglichkeit, etwas zu benennen, das vorher vielleicht nur als Gefühl vorhanden war. Bücher zeigen ihr Lebensformen, Gedanken und Erfahrungen, für die es in ihrem unmittelbaren Umfeld kaum Raum gibt.

Gerade deshalb wird Bildung zugleich befreiend und schmerzhaft.

Denn Hildegard beginnt nicht nur mehr zu wissen.

Sie beginnt, ihre Herkunft mit anderen Augen zu sehen.

Die Sprache, die ihr neue Möglichkeiten eröffnet, schafft damit auch Distanz. Zwischen dem Dialekt ihrer Familie und der Sprache der Bücher liegt irgendwann mehr als ein sprachlicher Unterschied.

Dazwischen liegt die Frage, zu welcher Welt Hildegard gehören wird.

Psychologische Lesespur

Hildegards Entwicklung lässt sich als Bewegung zwischen Zugehörigkeit und Selbstwerdung lesen.

Ein Kind übernimmt zunächst die Welt, in die es hineingeboren wird. Sprache, Werte, Erwartungen und Vorstellungen davon, was möglich ist, erscheinen selbstverständlich.

Erst wenn eine andere Welt sichtbar wird, entsteht Vergleich.

Für Hildegard übernehmen Bücher diese Funktion.

Sie geben ihr nicht einfach Wissen. Sie geben ihr eine Vorstellung davon, dass das vorhandene Leben nicht die einzige mögliche Form des Lebens ist.

Damit entsteht jedoch ein Loyalitätskonflikt.

Das eigene Weitergehen kann sich wie eine Entfernung von der Familie anfühlen. Bildung wird dann nicht nur zum Gewinn, sondern berührt die Frage, ob man noch dazugehören darf, wenn man beginnt, anders zu sprechen, anders zu denken und etwas anderes vom eigenen Leben zu erwarten.

Der Weg aus der Herkunft führt deshalb nicht einfach von einem Ort zum anderen.

Er führt mitten durch die eigene Identität.

Lesespuren

Dieses Buch ist ein Roman über:

Bildung
Sprache
Herkunft
soziale Klasse
Familie
Selbstwerdung
Zugehörigkeit
Aufstieg
Lesen
das Weggehen aus der Herkunft

Besonders stark gehört Das verborgene Wort zur Denkspur Bildung als Ausweg.

Ebenso zentral sind Herkunft und Familie und Weggehen aus der Herkunft.

Auch Cyclebreaking wird berührt: Hildegard beginnt, Vorstellungen davon infrage zu stellen, welches Leben aufgrund ihrer Herkunft und ihres Geschlechts für sie vorgesehen ist.

Welche Erfahrung des Lebens macht dieses Buch sichtbar?

Dass ein neues Wort manchmal der Anfang eines anderen Lebens sein kann.

Bildung verändert nicht nur, was ein Mensch weiß.

Sie kann verändern, was er für möglich hält.

Genau darin liegt für Hildegard ihre befreiende Kraft. Durch Bücher entdeckt sie eine Welt jenseits der Grenzen, die Herkunft und Milieu für ihr Leben gezogen haben.

Aber wer eine neue Sprache findet, hört irgendwann auch die alte anders.

Das macht den Aufbruch kompliziert.

Denn Hildegard muss ihre Herkunft nicht einfach verlassen. Sie muss herausfinden, was davon zu ihr gehört, was sie weitertragen möchte – und was sie hinter sich lassen muss, um ein eigenes Leben führen zu können.

Vielleicht besteht Bildung deshalb nicht nur darin, die Welt lesen zu lernen.

Manchmal lernt man dabei auch, das eigene Leben neu zu lesen.

Wenn dich dieses Buch beschäftigt hat

Wenn dich besonders interessiert, wie Bildung und Sprache einen Weg aus der eigenen Herkunft eröffnen und zugleich neue Distanz schaffen können, könnten diese Spuren weiterführen:

Der Platz — Annie Ernaux
Erzählt von sozialem Aufstieg durch Bildung und von der schmerzhaften Distanz, die dadurch zwischen einer Tochter und ihrer Herkunft entstehen kann.

Meine geniale Freundin — Elena Ferrante
Zeigt an zwei Mädchen, wie unterschiedlich Lebenswege verlaufen können, wenn Bildung für die eine zugänglich bleibt und der anderen verwehrt wird.

Kindheit — Tove Ditlevsen
Erzählt von einem Mädchen aus einfachen Verhältnissen, das früh in Sprache und Literatur einen möglichen Weg in ein anderes Leben entdeckt.

Denkspur: Bildung als Ausweg
Versammelt Bücher über Bildung als Möglichkeit des Aufbruchs – und über die Frage, was geschieht, wenn Wissen nicht nur neue Türen öffnet, sondern auch die Beziehung zur eigenen Herkunft verändert.

Regal
2 – Ich und die Welt

Denkspuren
Bildung als Ausweg · Herkunft und Familie · Weggehen aus der Herkunft

Essays zu diesem Buch
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