Natalia Ginzburg - Familienlexikon


Buchdaten

Titel: Familienlexikon
Originaltitel: Lessico famigliare
Autorin: Natalia Ginzburg
Erscheinungsjahr: 1963
Genre: Autobiografischer Roman · Familienroman · Erinnerungsliteratur

Worum geht es?

Natalia Ginzburg erzählt von ihrer Familie im Italien des 20. Jahrhunderts: von ihren Eltern, Geschwistern, Freunden und Bekannten, vom Alltag der Familie Levi und von den politischen Umbrüchen, die zunehmend in dieses Leben hineinreichen.

Doch Familienlexikon erzählt Familiengeschichte auf ungewöhnliche Weise.

Im Mittelpunkt stehen nicht nur die großen Ereignisse, sondern die Sprache der Familie: bestimmte Sätze, Ausdrücke, Beschimpfungen, Witze und Redewendungen, die über Jahre hinweg wiederholt werden.

Der Vater schimpft. Die Mutter erzählt Geschichten. Familienmitglieder erinnern sich an dieselben Begebenheiten. Bestimmte Formulierungen kehren immer wieder.

Aus diesen sprachlichen Wiederholungen entsteht allmählich das Porträt einer Familie – und zugleich das einer vergangenen Welt.

Warum dieses Buch geblieben ist

Fast jede Familie besitzt eine Sprache, die außerhalb dieser Familie kaum jemand vollständig versteht.

Sätze, die jahrzehntelang wiederholt werden.

Geschichten, deren Pointe längst jeder kennt.

Wörter, bei denen ein einziges genügt, damit alle wissen, worauf angespielt wird.

Genau daraus baut Ginzburg ihre Erinnerung.

Das Besondere an Familienlexikon ist deshalb nicht nur, was erinnert wird.

Sondern wodurch Erinnerung überhaupt möglich wird.

Menschen verschwinden. Wohnungen verändern sich. Kinder werden erwachsen. Beziehungen entstehen und zerbrechen. Die politische Welt dringt in das Familienleben ein.

Aber bestimmte Sätze bleiben.

Sie tragen Stimmen in die Gegenwart, lange nachdem die Situationen, in denen sie entstanden sind, vergangen sind.

Das Familienlexikon wird dadurch zu einer Art gemeinsamem Gedächtnis.

Psychologische Lesespur

Familien vermitteln Zugehörigkeit nicht nur durch Beziehungen und gemeinsame Erfahrungen.

Sie vermitteln sie auch durch Sprache.

Kinder wachsen mit bestimmten Erzählungen darüber auf, wer jemand ist, wie die Familie funktioniert und welche Ereignisse immer wieder erinnert werden.

Manche dieser Geschichten werden so häufig erzählt, dass sie irgendwann selbstverständlich erscheinen.

So sind wir eben.

So war dein Vater.

Das hat deine Mutter immer gesagt.

Weißt du noch, damals?

Ginzburg zeigt diese familiäre Weitergabe, ohne daraus ein psychologisches Modell zu machen. Gerade deshalb wird sichtbar, wie stark Identität aus gemeinsam erzählten Geschichten entstehen kann.

Das eigene Leben beginnt nicht mit einer leeren Seite.

Es beginnt mitten in einem Gespräch, das schon lange vor der eigenen Erinnerung begonnen hat.

Lesespuren

Dieses Buch ist ein Buch über:

Familie
Herkunft
Erinnerung
Sprache
Zugehörigkeit
Familiengeschichten
Geschwister
Eltern und Kinder
politische Zeitgeschichte
das Weiterleben vergangener Stimmen

Besonders stark gehört Familienlexikon zur Denkspur Herkunft und Familie.

Daneben führt das Buch zu Starke Frauenlinien und Krieg → Nachkrieg → Kinder.

Denn die private Familiengeschichte bleibt nicht von der Geschichte Italiens getrennt. Faschismus, Widerstand, Verfolgung und Krieg verändern die Welt, in der diese Familie lebt.

Welche Erfahrung des Lebens macht dieses Buch sichtbar?

Dass Herkunft manchmal in einem einzigen Satz weiterlebt.

Familien bestehen nicht nur aus Verwandtschaft.

Sie bestehen aus Erinnerungen, Gewohnheiten und einer gemeinsamen Sprache, die über Jahre entsteht und für Außenstehende manchmal vollkommen bedeutungslos wirken würde.

Für diejenigen, die dazugehören, kann dagegen ein einzelner Ausdruck eine ganze Vergangenheit zurückholen.

Vielleicht liegt darin eine besondere Form familiärer Zugehörigkeit.

Man muss nicht mehr am selben Ort leben.

Man muss sich nicht einmal immer nahe sein.

Und trotzdem gibt es Wörter, bei denen plötzlich alle wieder in demselben Raum stehen.

Wenn dich dieses Buch beschäftigt hat

Wenn dich besonders interessiert, wie Familie durch Erinnerung, Sprache und gemeinsam erzählte Vergangenheit weiterlebt, könnten diese Spuren weiterführen:

Die Jahre — Annie Ernaux
Verbindet persönliche Erinnerung mit gesellschaftlicher Geschichte und fragt danach, was von einem gelebten Leben im gemeinsamen Gedächtnis bleibt.

Die Bagage — Monika Helfer
Zeigt, wie Familiengeschichten über Generationen weitergegeben werden und wie Herkunft auch aus Erzählungen über Menschen entsteht, die man selbst kaum oder gar nicht gekannt hat.

Der Platz — Annie Ernaux
Verdichtet die Erinnerung an den Vater zu einer Erkundung von Herkunft, Sprache und sozialer Distanz.

Denkspur: Herkunft und Familie
Versammelt Bücher über das, was Menschen aus ihren Familien mitnehmen – in Erinnerungen, Beziehungen, Erzählungen und Formen des eigenen Lebens.

Regal
8 – Erinnerung / Zeit

Denkspuren
Herkunft und Familie · Starke Frauenlinien · Krieg → Nachkrieg → Kinder

Essays zu diesem Buch
Essays zum Buch folgen.

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