Monika Helfer - Vati


Buchdaten

Titel: Vati
Originaltitel: Vati
Autorin: Monika Helfer
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Autofiktion · Familienroman · Erinnerungsliteratur

Worum geht es?

Nach Die Bagage, dem Buch über die Familie ihrer Mutter, richtet Monika Helfer den Blick auf ihren Vater Josef.

Josef kehrt schwer verwundet aus dem Zweiten Weltkrieg zurück. Später übernimmt er die Leitung eines Erholungsheims für Kriegsversehrte in den Bergen. Dort verbringt Monika Helfer einen Teil ihrer Kindheit – in einer Welt, die eng mit dem Vater, seinen Büchern und seinen Erfahrungen verbunden ist.

Doch der Vater bleibt eine schwer greifbare Figur.

Helfer nähert sich ihm über Erinnerungen, Erzählungen und Fragen. Sie rekonstruiert keinen Vater, den sie vollständig verstanden hätte. Sie schreibt über einen Menschen, der ihr nahestand und ihr zugleich in vielem fremd blieb.

Vati wird dadurch nicht nur zum Porträt eines Vaters, sondern zu einem Buch darüber, wie wir uns später an unsere Eltern erinnern – und was sich auch im Rückblick nicht mehr vollständig verstehen lässt.

Warum dieses Buch geblieben ist

Es gibt Eltern, über die Kinder sehr viel wissen.

Und es gibt Eltern, deren Leben erst viel später Fragen aufwirft.

Josef gehört zu den zweiten.

Als Kind erlebt Monika Helfer ihn als Vater. Erst aus der Perspektive der erwachsenen Tochter wird sichtbar, dass hinter dieser Rolle ein Leben liegt, von dem sie vieles nur teilweise kennt.

Krieg.

Verwundung.

Verlust.

Bücher.

Rückzug.

Und Erfahrungen, über die möglicherweise nie vollständig gesprochen wurde.

Gerade diese Lücken machen Vati interessant.

Helfer versucht nicht, sie nachträglich zu schließen, bis ein eindeutiges Bild entsteht. Erinnerung bleibt fragmentarisch. Manche Dinge lassen sich rekonstruieren, andere nur vermuten.

So entsteht ein Vaterbild, das seine Unschärfe behalten darf.

Psychologische Lesespur

Ein Vater kann im Leben eines Kindes präsent sein und trotzdem schwer erreichbar bleiben.

Abwesenheit bedeutet nicht immer, dass jemand fort ist.

Sie kann auch dort entstehen, wo ein Mensch körperlich anwesend ist, aber Teile seiner inneren Welt für andere verschlossen bleiben.

Josefs Kriegserfahrungen gehören zu einer Vergangenheit, die auch in das Familienleben hineinreicht. Helfer beschreibt diese Verbindung nicht als einfache Ursache. Vielmehr wird sichtbar, dass Eltern Erfahrungen in eine Familie mitbringen, die Kinder wahrnehmen können, ohne sie vollständig zu verstehen.

Für ein Kind ist der Vater zunächst einfach der Vater.

Erst später entsteht die Frage:

Wer war dieser Mensch eigentlich, bevor ich ihn kannte?

Damit verändert sich auch die Erinnerung.

Die erwachsene Tochter blickt auf denselben Menschen mit einem Wissen, das das Kind noch nicht besitzen konnte.

Vielleicht besteht ein Teil des Erwachsenwerdens darin, die eigenen Eltern irgendwann nicht mehr nur als Eltern zu sehen.

Sondern als Menschen mit einer Geschichte, die lange vor der eigenen begonnen hat.

Lesespuren

Dieses Buch ist ein Buch über:

Väter
Erinnerung
familiäre Herkunft
Krieg und Nachkrieg
Schweigen
Kindheit
Verlust
Bücher
Nähe und Distanz
die Unvollständigkeit familiärer Erinnerung

Besonders stark gehört Vati zur Denkspur Abwesende Väter.

Ebenso zentral sind Herkunft und Familie und Krieg → Nachkrieg → Kinder.

Denn Helfer erzählt nicht nur von ihrem Vater. Sie fragt indirekt auch danach, wie Erfahrungen einer Generation in das Leben der nächsten hineinreichen können.

Welche Erfahrung des Lebens macht dieses Buch sichtbar?

Dass wir unsere Eltern vielleicht nie vollständig kennen.

Als Kinder kennen wir sie in ihrer Rolle.

Mutter.

Vater.

Erst später beginnen wir zu begreifen, dass diese Menschen bereits ein ganzes Leben hatten, bevor unseres begann.

Manches davon wurde erzählt.

Manches verschwiegen.

Manches haben wir falsch verstanden.

Und manches lässt sich nicht mehr fragen.

Vati macht diese Grenze der Erinnerung sichtbar, ohne sie auflösen zu wollen.

Vielleicht bedeutet die spätere Annäherung an die eigenen Eltern deshalb nicht, endlich herauszufinden, wer sie wirklich waren.

Vielleicht bedeutet sie, anzuerkennen, dass auch die vertrautesten Menschen ein Teil ihres Lebens bleiben, den wir nicht kennen.

Wenn dich dieses Buch beschäftigt hat

Wenn dich besonders interessiert, wie Kinder sich später an ihre Eltern annähern und wie Familiengeschichte über Erinnerung weiterlebt, könnten diese Spuren weiterführen:

Die Bagage — Monika Helfer
Führt zurück in die Familiengeschichte der mütterlichen Seite und zeigt, wie Herkunft aus Erzählungen, Zuschreibungen und Leerstellen entsteht.

Familienlexikon — Natalia Ginzburg
Zeigt, wie Eltern und Familie über wiederkehrende Sätze, Geschichten und eine gemeinsame Sprache in der Erinnerung weiterleben.

Der Platz — Annie Ernaux
Eine Annäherung an den eigenen Vater, in der zugleich soziale Herkunft, Bildung und die wachsende Distanz zwischen Vater und Tochter sichtbar werden.

Denkspur: Abwesende Väter
Versammelt Bücher über Väter, deren Abwesenheit unterschiedliche Formen annimmt – vom tatsächlichen Fortsein bis zu einer Nähe, in der ein Teil des Menschen unerreichbar bleibt.

Regal
8 – Erinnerung / Zeit

Denkspuren
Abwesende Väter · Herkunft und Familie · Krieg → Nachkrieg → Kinder

Essays zu diesem Buch
Essays zum Buch folgen.

Zur Übersicht
8 – Erinnerung / Zeit · Bucharchiv