Menschenkind — Toni Morrison
Buchdaten

Titel: Menschenkind
Originaltitel: Beloved
Autorin: Toni Morrison
Erscheinungsjahr: 1987
Genre: Roman
Worum geht es?
Sethe hat die Sklaverei überlebt. Sie ist aus Sweet Home geflohen und lebt mit ihrer Tochter Denver in Ohio. Doch die Vergangenheit ist nicht vorbei.
Das Haus, in dem sie leben, wird von der Erinnerung an Sethes verstorbene Tochter beherrscht. Als eines Tages eine junge Frau auftaucht, die sich Beloved nennt, beginnt sich die Grenze zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Erinnerung und Wirklichkeit immer weiter aufzulösen.
Toni Morrison erzählt von einem Leben nach der Sklaverei – und von der Frage, ob ein Mensch einem vergangenen Schrecken überhaupt entkommen kann, wenn dieser längst Teil seiner Erinnerungen, Beziehungen und seines eigenen Selbst geworden ist.
Warum dieses Buch geblieben ist
Menschenkind erzählt nicht einfach davon, dass Vergangenheit Folgen hat.
Der Roman zeigt etwas Beunruhigenderes: dass Vergangenes gegenwärtig bleiben kann.
Sethe ist geflohen. Räumlich hat sie den Ort verlassen, an dem über ihren Körper, ihre Arbeit, ihre Mutterschaft und ihr Leben verfügt wurde. Aber Freiheit lässt sich nicht allein dadurch herstellen, dass die Gewalt endet.
Erinnerungen bleiben. Körper erinnern sich. Beziehungen tragen weiter, was geschehen ist.
Besonders radikal wird das in Sethes Mutterschaft. Ihre Liebe zu ihren Kindern existiert nicht außerhalb der Gewaltverhältnisse, sondern mitten in ihnen. Morrison führt damit an eine kaum auszuhaltende Grenze: Was kann Schutz bedeuten, wenn die Welt, vor der eine Mutter ihr Kind schützen möchte, selbst jede gewöhnliche Vorstellung von Schutz zerstört hat?
Der Roman gibt darauf keine beruhigende Antwort.
Er zeigt, wie eng Liebe, Angst, Schuld, Erinnerung und Überleben miteinander verbunden werden können, wenn Menschen unter Bedingungen leben mussten, die ihnen selbst die Verfügung über die elementarsten Beziehungen genommen haben.
Psychologische Lesespur
Eine mögliche psychologische Lesespur führt über Trauma und Erinnerung.
Vergangenheit erscheint in Menschenkind nicht als abgeschlossene Geschichte, an die Figuren zurückdenken. Sie drängt in die Gegenwart. Sie erscheint in Bildern, körperlichen Reaktionen, Schweigen, Beziehungen und Wiederholungen.
Das lässt sich vorsichtig mit psychologischen Beschreibungen traumatischer Erfahrung verbinden: Ein überwältigendes Geschehen kann vergangen sein, ohne innerlich vollständig Vergangenheit geworden zu sein.
Doch Morrison geht noch weiter.
Denn die Verletzung ist nicht nur individuell. Die Geschichte der Sklaverei hat Familien getrennt, Abstammungslinien zerstört und Menschen systematisch die Möglichkeit genommen, verlässliche Bindungen und selbstbestimmte Lebensgeschichten aufzubauen.
Damit wird Erinnerung auch zu einer Frage von Herkunft:
Was wird weitergetragen, wenn eine Familie Erfahrungen erbt, für die es lange kaum Worte geben konnte?
Und zugleich stellt der Roman eine zweite Frage:
Wie kann ein eigenes Leben entstehen, wenn Überleben so viel Raum eingenommen hat?
Welche Erfahrung des Lebens macht dieses Buch sichtbar?
Menschenkind macht sichtbar, dass Überleben und Freiheit nicht dasselbe sind.
Man kann einen Ort verlassen haben und ihn dennoch mit sich tragen.
Man kann versuchen, die Vergangenheit nicht anzusehen, und trotzdem von ihr geprägt werden.
Und man kann Menschen lieben, während die eigene Vorstellung davon, was Liebe schützen muss, bereits durch Erfahrungen geformt wurde, die kein Mensch hätte machen sollen.
Morrison zeigt dabei keine einfache Bewegung von Verletzung zu Heilung. Sie zeigt vielmehr, wie schwer es sein kann, wieder eine Gegenwart entstehen zu lassen, die nicht vollständig von der Vergangenheit besetzt wird.
Vielleicht liegt darin eine der stärksten Bewegungen des Romans:
Ein eigenes Leben beginnt nicht dort, wo die Vergangenheit verschwindet.
Vielleicht beginnt es dort, wo sie nicht mehr allein darüber bestimmt, was Gegenwart sein darf.
Lesespuren
Dieses Buch ist ein Roman über:
Herkunft und Erinnerung
darüber, wie Geschichte in einzelnen Leben und Familien gegenwärtig bleibt.
Mutterschaft
über eine Form mütterlicher Liebe, die unter extremen Bedingungen mit Schutz, Angst und Verlust verbunden wird.
Trauma und Überleben
über Erfahrungen, die nicht einfach enden, weil die unmittelbare Gefahr vorbei ist.
Familie
über zerstörte und neu entstehende Beziehungen nach einer Ordnung, die Familien systematisch auseinandergerissen hat.
Freiheit
über den Unterschied zwischen äußerer Befreiung und der schwierigen Möglichkeit, ein eigenes Leben zurückzugewinnen.
Erinnerung
über die Frage, was geschieht, wenn Vergangenes keinen sicheren Platz in der Vergangenheit findet.
Wenn dich dieses Buch beschäftigt hat
Wenn dich besonders die Frage beschäftigt, wie Herkunft und historische Gewalt in späteren Generationen weiterleben, könnten von hier weitere Lesespuren beginnen:
Homegoing — Yaa Gyasi
Verfolgt über Generationen, wie die Geschichte der Sklaverei unterschiedliche Familienlinien prägt.
Pachinko — Min Jin Lee
Zeigt auf andere Weise, wie historische Bedingungen, Herkunft und familiäre Entscheidungen über Generationen weiterwirken.
Denkspur: Herkunft und Familie
Versammelt Bücher über das, was Menschen aus ihrer Herkunft übernehmen, bewahren, verändern oder hinter sich lassen.
Regal
0 – Ursprung
Denkspuren
Herkunft und Familie · Mutterschaft · Starke Frauenlinien
Essays zu diesem Buch
Essays zum Buch folgen.
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