Warum Lesespuren keine Kleinkindkonzepte anbietet
Es begann mit einer vollkommen harmlosen Idee: Kindern Bücher vorzulesen.
Wenig später lag Schuld und Sühne im Sitzkreis, zu Anna Karenina wurden kleine Holzeisenbahnen verteilt und bei Kafka krochen die Vorschulkinder als Käfer unter den Tischen herum.
An diesem Punkt wurde entschieden, dass Lesespuren keine frühpädagogischen Konzepte anbietet.
Das ist vermutlich besser für alle Beteiligten.
Dabei war der Ausgangspunkt durchaus vernünftig. Ich hatte im Literaturhaus Salzburg ein Programm für kleine Kinder gesehen: Bücher, Geschichten, Reime, gemeinsames Entdecken. Eine dieser Ideen, bei denen man sofort denkt: Das müsste es eigentlich viel öfter geben.
Mein nächster Gedanke war deshalb ebenfalls noch unauffällig:
Das könnte man doch auch in einer Bibliothek machen.
Dann nahm die Sache ihren Lauf.
Wenn Erwachsene Bücher in die Hände bekommen
Vielleicht liegt das Problem gar nicht bei den Kindern.
Vielleicht liegt es bei uns Erwachsenen.
Wir haben eine erstaunliche Begabung dafür, aus Dingen, die für sich genommen vollkommen ausreichend wären, ein Konzept zu machen.
Ein Kind hört eine Geschichte.
Das wäre bereits ein Ereignis.
Aber kaum sitzt ein Erwachsener daneben, tauchen Begriffe auf wie Sprachförderung, Lesekompetenz, emotionale Entwicklung, pädagogischer Mehrwert und Lernziel.
Das Buch soll plötzlich etwas leisten.
Es soll Wortschatz erweitern, Empathie fördern, Gefühle benennen helfen, Konzentration verbessern und möglichst nebenbei noch die Eltern-Kind-Bindung stärken.
Das ist alles nicht falsch.
Es ist nur bemerkenswert viel Verantwortung für ein Bilderbuch.
Vielleicht möchte das Bilderbuch gelegentlich einfach ein Bilderbuch sein.
Und vielleicht möchte das Kind einfach wissen, warum der Frosch eine Hose trägt.
Kafka hätte vermutlich keine Chance
Bei Kafka wird die Sache besonders deutlich.
Ein Erwachsener liest Die Verwandlung und findet Entfremdung, familiäre Abhängigkeit, Nützlichkeitsdenken, Scham, Isolation und die Frage danach, was von einem Menschen bleibt, wenn er nicht mehr funktioniert.
Ein Kind hört:
Ein Mann wacht morgens auf und ist ein riesiger Käfer.
Und denkt vermutlich:
Kann der an der Wand hochlaufen?
Möglicherweise ist das keine unzureichende Interpretation.
Möglicherweise ist es sogar eine ziemlich gute Form des Lesens.
Denn bevor Literatur analysiert wird, geschieht etwas viel Einfacheres: Jemand stellt sich etwas vor.
Einen Käfer.
Eine Hexe.
Einen Wald.
Ein Tier, das sprechen kann.
Eine Tür, hinter der eine andere Welt beginnt.
Kinder müssen nicht erst lernen, dass Geschichten Bedeutung haben. Sie bewegen sich längst darin.
Sie fragen nur nicht unbedingt nach derselben Bedeutung wie wir.
Der Käfer darf zunächst ein Käfer bleiben
Wenn jemand zum Käfer wird, interessiert zunächst das Käfersein.
Vielleicht wissen Kinder das ohnehin besser als wir.
Bei Peppa Pig braucht Opa Wutz jedenfalls keine lange Einführung in die Theorie des Als-ob. Er legt sich beim Spielen mit Peppa und Schorsch auf den Bauch und wird zum Bibbel-Babbel-Wurm.
Mehr braucht es nicht.
Kein Arbeitsauftrag.
Keine anschließende Reflexionsrunde.
Kein Lernziel an der Wand.
Da liegt ein erwachsener Schweineopa auf dem Boden und ist für einen Moment ein Wurm.
Und die Kinder verstehen sofort, wie das geht.
Vielleicht ist das eine der unmittelbarsten Arten, einer Geschichte oder Vorstellung zu begegnen: nicht zuerst über sie nachzudenken, sondern in sie hineinzugehen.
Der Erwachsene fragt:
Was bedeutet der Käfer?
Das Kind sagt:
Ich bin der Käfer.
Es krabbelt.
Es probiert aus.
Wie läuft man mit sechs Beinen?
Wo würde man schlafen?
Was würde man essen?
Würde die eigene Familie einen noch erkennen?
Und plötzlich ist man, ohne es geplant zu haben, doch bei ziemlich großen Fragen angekommen.
Nur eben nicht über ein Lernziel.
Sondern über Fantasie.
Vielleicht beginnt Literatur genau dort: in der Bereitschaft, sich auf etwas einzulassen, das nicht wirklich ist und trotzdem für einen Moment Wirklichkeit bekommt.
Ein Kind braucht dafür keinen Interpretationsschlüssel.
Es nimmt die Einladung an.
Vielleicht ist das der Unterschied.
Man kann einem Kind erklären, worüber eine Geschichte nachzudenken lohnt.
Oder man kann ihm eine Geschichte geben und sehen, wohin sein Denken – oder sein Krabbeln – führt.
Das eine erzeugt Antworten.
Das andere öffnet einen Raum.
Literatur muss nicht ständig nützlich sein
Erwachsene haben ein merkwürdiges Verhältnis zum Zweckfreien.
Was keinen erkennbaren Nutzen besitzt, gerät schnell unter Rechtfertigungsdruck.
Das gilt für Spiel.
Für Tagträume.
Für Herumspinnen.
Und manchmal auch für Literatur.
Dabei gehört gerade zu Geschichten, dass sie sich ihrem Nutzen entziehen dürfen.
Ein Buch muss keinen besseren Menschen hervorbringen.
Es muss keine Kompetenz trainieren.
Es muss nicht einmal eine Botschaft besitzen, die sich am Ende gemeinsam auf ein Plakat schreiben lässt.
Manchmal darf eine Geschichte einfach komisch sein.
Oder traurig.
Oder unheimlich.
Manchmal darf ein Kind fünfzehn Minuten darüber lachen, dass jemand eine Unterhose auf dem Kopf trägt.
Und manchmal darf aus einem Käfer einfach ein ganzer Vormittag werden.
Vielleicht entsteht gerade dort etwas, das sich ohnehin schlecht planen lässt: eine Beziehung zu Geschichten.
Nicht weil jemand erklärt hat, warum Lesen wichtig ist.
Sondern weil Lesen einmal etwas war, bei dem man unter einem Tisch herumkriechen durfte.
Und was machen die Erwachsenen?
Vielleicht könnten sie für einen Moment aufhören, der Geschichte vorauszulaufen.
Nicht sofort fragen:
Was lernen die Kinder daraus?
Sondern:
Was haben sie darin entdeckt?
Das ist ein kleiner Unterschied.
Aber vielleicht ein entscheidender.
Denn Literatur zeigt nicht jedem dasselbe. Auch Erwachsenen nicht.
Ein Buch trifft auf Erfahrung, Fantasie, Erinnerung und Fragen. Deshalb können zehn Menschen denselben Text lesen und an zehn verschiedenen Stellen hängen bleiben.
Warum sollte das bei Kindern anders sein?
Vielleicht müsste man ihnen deshalb gar nicht so früh beibringen, wie man Literatur richtig versteht.
Vielleicht wäre es viel interessanter, ihnen lange genug nicht abzugewöhnen, ihr auf eigene Weise zu begegnen.
Mit Fragen.
Mit Gelächter.
Mit völlig falschen Tiergeräuschen.
Mit Abschweifungen.
Und gelegentlich auf allen vieren.
Opa Wutz hätte vermutlich nichts dagegen.
Warum also keine Kleinkindkonzepte?
Weil vermutlich spätestens beim dritten Planungstreffen jemand auf die Idee käme, Anna Karenina mit einer Holzeisenbahn zu illustrieren.
Und weil es vielleicht gar kein ausgefeiltes Konzept braucht.
Ein gutes Buch.
Ein Mensch, der es gern vorliest.
Ein paar Kinder.
Zeit.
Und die Bereitschaft, nicht schon vorher zu wissen, was am Ende dabei herauskommen soll.
Literatur zeigt.
Das Kind krabbelt.
Der Erwachsene hält aus, dass daraus kein Lernziel entsteht.
Und Kafka?
Kafka darf vorerst im Regal bleiben.
Der Käfer kann trotzdem mitkommen.
Und der Bibbel-Babbel-Wurm offenbar auch.
Regal
6 – Kinder / Trost
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