Óscar Romero – Was bedeutet Glaube, wenn Menschen vor deinen Augen unterdrückt werden?
Es ist vergleichsweise einfach, an Gerechtigkeit zu glauben, solange sie nichts von einem verlangt.
Man kann von der Würde des Menschen sprechen, von Nächstenliebe, Verantwortung und Mitgefühl. Man kann in einer Kirche sitzen und Worte hören, die seit Jahrhunderten gesprochen werden. Man kann glauben, beten und hoffen und dabei vielleicht lange davon ausgehen, dass all diese Dinge vor allem eine Angelegenheit zwischen dem Menschen und Gott sind.
Doch was geschieht, wenn man nach der Messe vor die Tür tritt und dort Menschen leben, deren Würde mit Füßen getreten wird?
Was bedeutet Glaube dann?
Vielleicht ist das eine der Fragen, die das Leben Óscar Romeros so schwer und zugleich so eindringlich machen.
Nicht, weil Romero eine einfache Antwort darauf gefunden hätte.
Sondern weil diese Frage irgendwann offenbar nicht mehr außerhalb seines eigenen Lebens blieb.
Ein Mann, von dem man keine Revolution erwartete
Als Óscar Romero 1977 Erzbischof von San Salvador wurde, galt er keineswegs als der Mann, von dem man den großen öffentlichen Konflikt mit den Mächtigen seines Landes erwartete. Gerade seine eher konservative Haltung hatte bei seiner Ernennung offenbar die Erwartung begünstigt, mit ihm einen vergleichsweise unproblematischen Kirchenmann an der Spitze des Erzbistums zu haben.
Doch El Salvador war ein Land, in dem politische Repression, soziale Ungleichheit und Gewalt immer stärker das Leben bestimmten. Bauern und andere arme Bevölkerungsgruppen lebten unter schwierigen Bedingungen, Protest wurde gewaltsam unterdrückt, Menschen verschwanden oder wurden getötet.
Kurz nach Romeros Amtsantritt wurde sein Freund, der Jesuitenpater Rutilio Grande, ermordet. Grande hatte sich für arme Landarbeiter eingesetzt. Sein Tod gilt als ein entscheidender Einschnitt in Romeros Leben, auch wenn die Vorstellung einer plötzlichen, vollständigen "Bekehrung" Romeros die längere Entwicklung seiner Haltung vermutlich zu sehr vereinfacht.
Was sich jedoch beobachten lässt, ist ein Mann, der immer weniger bereit war, das Leid um ihn herum als etwas zu behandeln, das mit seinem Amt und seinem Glauben nichts zu tun hatte.
Vielleicht beginnt genau dort die eigentliche Zumutung seiner Geschichte.
Denn Romero musste nicht erst lernen, dass es Armut gab.
Er musste sich der Frage stellen, was dieses Wissen von ihm verlangte.
Was hat das mit Gott zu tun?
Religion kann Menschen Trost geben.
Sie kann ihnen Hoffnung geben, wenn eine Situation nicht zu verändern scheint. Sie kann von einer Wirklichkeit sprechen, die größer ist als das gegenwärtige Leid, und davon, dass ein Mensch auch dort Würde besitzt, wo andere sie ihm absprechen.
Doch genau darin liegt eine Spannung.
Denn was geschieht, wenn der Trost über das Jenseits dazu führt, dass das Unrecht im Diesseits unangetastet bleibt?
Was geschieht, wenn eine Kirche den Menschen sagt, dass Gott sie liebt, aber schweigt, während dieselben Menschen verfolgt, ausgebeutet oder getötet werden?
Vielleicht muss christlicher Glaube an diesem Punkt eine unangenehme Frage aushalten:
Kann ich von der Würde eines Menschen vor Gott sprechen und gleichzeitig schweigen, wenn diese Würde vor meinen Augen verletzt wird?
Für Romero wurde diese Frage zunehmend konkret.
Seine Predigten wurden zu einem Ort, an dem er öffentlich über Gewalt, Tötungen und Verschwundene sprach. Er kritisierte staatliche und paramilitärische Repression, wandte sich aber auch gegen Gewalt von linksgerichteten Guerillagruppen. Zugleich unterstützte die Kirche unter seiner Leitung Menschen, die von der Gewalt betroffen waren.
Damit veränderte sich etwas.
Die Kanzel war nicht mehr nur der Ort, von dem aus über Gott gesprochen wurde.
Von dort wurde plötzlich auch darüber gesprochen, was Menschen anderen Menschen antaten.
Amos steht irgendwo im Hintergrund
Vielleicht ist es kein Zufall, dass man beim Lesen über Romero irgendwann an die Propheten der Bibel denken muss.
Nicht weil Óscar Romero ein zweiter Amos gewesen wäre. Zwischen dem Nordreich Israel des 8. Jahrhunderts vor Christus und El Salvador im 20. Jahrhundert liegen vollkommen unterschiedliche historische und politische Wirklichkeiten.
Aber eine Frage verbindet beide.
Was geschieht, wenn religiöser Glaube und gesellschaftliche Wirklichkeit nicht mehr zusammenpassen?
Amos sieht eine Gesellschaft, in der religiöses Leben weitergeht, während gleichzeitig Arme und Schwache unterdrückt werden. Für ihn lässt sich das eine nicht vom anderen trennen. Eine Gemeinschaft kann nicht einfach ihre Beziehung zu Gott feiern und zugleich ignorieren, was innerhalb ihrer eigenen Ordnung mit Menschen geschieht.
Jahrtausende später steht Romero vor einer anderen Wirklichkeit.
Und wieder stellt sich die Frage:
Was bedeutet Glaube, wenn Menschen vor deinen Augen unterdrückt werden?
Vielleicht ist das die eigentliche Verbindung zwischen Amos und Romero. Nicht eine gemeinsame politische Theorie und auch nicht dieselbe historische Situation, sondern die Weigerung, Religion in einen Raum zurückzuziehen, in dem das Leiden anderer Menschen nicht mehr vorkommt.
Glaube wäre dann nicht nur die Frage, woran ein Mensch glaubt.
Er wäre auch die Frage, was dieser Glaube ihn sehen lässt.
Und vielleicht noch schwieriger:
Was er nicht mehr übersehen kann.
Wenn die Wirklichkeit in die Kirche kommt
Es gibt eine Vorstellung von Neutralität, die zunächst vernünftig klingt.
Eine Kirche soll sich nicht in Politik einmischen. Ein Priester soll sich um den Glauben kümmern. Religion soll Menschen verbinden und nicht gesellschaftliche Konflikte noch weiter verschärfen.
Doch diese Vorstellung bekommt ein Problem, sobald Gewalt und Ungerechtigkeit selbst Teil der gesellschaftlichen Ordnung werden.
Denn auch Schweigen hat dann eine Wirkung.
Wenn ein Mensch misshandelt wird und zwei andere danebenstehen, befindet sich der Schweigende nicht automatisch außerhalb der Situation, nur weil er selbst nicht zugeschlagen hat.
Romeros Leben stellt deshalb eine unbequeme Frage an jede Vorstellung religiöser Neutralität.
Wann ist Schweigen Frieden – und wann schützt Schweigen nur den Zustand, der bereits besteht?
Diese Frage lässt sich nicht mit der einfachen Forderung beantworten, Religion müsse immer Partei für eine bestimmte politische Bewegung ergreifen. Romero selbst verurteilte Gewalt nicht nur auf einer Seite. Gerade darin liegt eine wichtige Spannung seines Wirkens.
Aber Neutralität gegenüber Parteien ist etwas anderes als Neutralität gegenüber dem Leiden.
Vielleicht kann eine Kirche politisch unabhängig sein.
Gegenüber der Verletzung menschlicher Würde kann sie es sehr viel schwerer sein.
Der Preis des Sprechens
Wer Ungerechtigkeit benennt, verändert dadurch nicht automatisch die Welt.
Manchmal verändert er zunächst nur seine eigene Position innerhalb dieser Welt.
Ein Mensch, der schweigt, kann dazugehören. Er kann akzeptiert werden, eingeladen bleiben und möglicherweise sogar Einfluss besitzen.
Ein Mensch, der beginnt, Dinge auszusprechen, die andere nicht hören wollen, riskiert etwas anderes.
Romero wurde angegriffen, diffamiert und bedroht. Teile der wohlhabenden katholischen Bevölkerung wandten sich gegen ihn, ebenso wie politische und militärische Kräfte. Gleichzeitig wurde seine Stimme für viele Menschen, die selbst kaum öffentlich gehört wurden, immer wichtiger.
Damit begegnen wir wieder einer Struktur, die schon bei Amos sichtbar wird.
Eine Warnung ist für eine Ordnung nicht unbedingt deshalb gefährlich, weil sie ausgesprochen wird.
Gefährlich wird sie, wenn Menschen beginnen zuzuhören.
Vielleicht ist das der Moment, in dem aus einem Priester eine Bedrohung werden kann.
Nicht weil er eine Waffe trägt.
Sondern weil seine Worte eine andere Beschreibung der Wirklichkeit ermöglichen.
Die Grenze des Gehorsams
Am 23. März 1980 richtete Romero in einer Predigt einen direkten Appell an Angehörige der Sicherheitskräfte. Er erinnerte sie daran, dass kein Soldat verpflichtet sei, einem Befehl zu gehorchen, der dem Gesetz Gottes widerspreche, und forderte ein Ende der Repression.
Am folgenden Tag wurde er während einer Messe erschossen.
Vielleicht liegt in dieser letzten öffentlichen Konfrontation noch einmal die ganze Schärfe seiner Frage.
Denn Romero spricht Menschen an, die Teil einer Ordnung sind.
Menschen mit Befehlen.
Menschen mit Vorgesetzten.
Menschen, von denen erwartet wird, dass sie funktionieren.
Und er erinnert sie daran, dass es möglicherweise einen Maßstab gibt, der über dem Gehorsam gegenüber dieser Ordnung steht.
Da liegt plötzlich wieder das Senkblei des Amos auf dem Tisch.
Die Frage lautet nicht mehr nur:
Was wurde dir befohlen?
Sondern:
Ist es richtig?
Eine solche Frage ist für jedes System gefährlich, das darauf angewiesen ist, dass Menschen Verantwortung vollständig nach oben weiterreichen können.
Romero holt sie zurück.
Zum einzelnen Menschen.
Zu seinem Gewissen.
Zu seiner Verantwortung.
Was zwischen uns gilt
Vielleicht berührt mich an Romero gerade deshalb nicht nur sein Mut.
Mut kann aus großer Distanz bewundert werden. Man sieht einen Menschen, der etwas Außergewöhnliches getan hat, erklärt ihn zum Helden und ist damit selbst von jeder Verpflichtung befreit.
Romero ist schwieriger, wenn man ihn nicht nur bewundert, sondern seine Frage ernst nimmt.
Denn dann geht es plötzlich nicht mehr darum, ob wir bereit wären, unter den Bedingungen El Salvadors im Jahr 1980 so zu handeln wie er.
Die meisten von uns werden niemals vor dieser Situation stehen.
Die kleinere und vielleicht nähere Frage lautet:
Was bedeutet das, woran ich glaube, für den Menschen, der gerade vor mir steht?
Wenn zwischen Menschen etwas gilt – Nächstenliebe, Menschenwürde, Solidarität, Verantwortung –, dann muss sich irgendwann zeigen, was dieses Etwas bedeutet, wenn es etwas kostet.
Solange Loyalität nichts verlangt, ist sie leicht.
Solange Gerechtigkeit den eigenen Interessen nicht widerspricht, ist sie leicht.
Solange Nächstenliebe keine Konsequenzen hat, ist auch sie leicht.
Erst im Konflikt zeigt sich, was zwischen uns tatsächlich gilt.
Vielleicht beginnt Glaube dort
Óscar Romero wurde 2018 von der katholischen Kirche heiliggesprochen. Die Kirche, innerhalb derer er zu Lebzeiten keineswegs nur Zustimmung erfahren hatte, verehrt ihn heute als Märtyrer und Heiligen.
Man könnte seine Geschichte deshalb beruhigend lesen.
Ein guter Mensch hat für die Armen gekämpft.
Er wurde ermordet.
Später wurde er heiliggesprochen.
Die Geschichte hat ihm recht gegeben.
Doch vielleicht wäre gerade diese beruhigende Erzählung zu einfach.
Denn ein Heiliger, den man nur verehrt, stellt keine Fragen mehr.
Man kann sein Bild aufhängen.
Man kann seinen Namen nennen.
Man kann ihn bewundern.
Und danach kann alles bleiben, wie es ist.
Vielleicht beginnt die unbequemere Begegnung mit Romero deshalb erst dort, wo seine Geschichte wieder zur Frage wird.
Was bedeutet Glaube, wenn Menschen vor meinen Augen unterdrückt werden?
Was bedeutet Nächstenliebe, wenn sie mich in Konflikt mit meiner eigenen Sicherheit bringt?
Was bedeutet Gewissen, wenn Gehorsam einfacher wäre?
Und was bedeutet es, einen Menschen wie Óscar Romero zu verehren, wenn man gleichzeitig hofft, niemals vor einer Entscheidung zu stehen, die auch nur einen Bruchteil dessen von einem verlangt, was sein Glaube schließlich von ihm verlangte?
Vielleicht besteht die Aufgabe nicht darin, Romero nachzuahmen.
Vielleicht besteht sie zunächst darin, sich von ihm das Senkblei reichen zu lassen.
Und dann den Mut zu haben, hinzusehen, wenn die Mauer nicht so gerade ist, wie wir gehofft haben.
Ausgangspunkt
Óscar Romero · Erzbischof von San Salvador · 1917–1980
Biblische Spur
Amos · soziale Gerechtigkeit · prophetischer Widerspruch · das Senkblei
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Amos – Buchseite
Amos'sche Hypervigilanz – Was, wenn der Schwarzseher recht hat?
Wenn die Ordnung den Widerspruch nicht aushält
Du hast es zerstört, weil du es sichtbar gemacht hast
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Gewissen · Gerechtigkeit · Loyalität · Außenseiter · Verantwortung
Theologische Spur
Glaube und gesellschaftliche Verantwortung · Option für die Armen · Gewissen und Gehorsam
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