Meursault – Wenn eine Tat nicht reicht, muss der Mensch zum Täter passen
Ein Mann hat einen anderen Mann erschossen, und eigentlich scheint zumindest dieser Teil der Geschichte eindeutig zu sein. Er bestreitet die Tat nicht, versucht nicht, sie einem anderen anzuhängen, erfindet kein Alibi und behauptet auch nicht, zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein.
Meursault hat getötet.
In Albert Camus' Der Fremde genügt diese Feststellung jedoch offenbar nicht, denn irgendwann scheint vor Gericht nicht mehr nur die Tat erklärt werden zu müssen. Auch der Täter selbst braucht eine Erklärung, und so sitzt auf der Anklagebank bald nicht mehr nur der Mann, der einen anderen Menschen erschossen hat, sondern zugleich der Sohn, der bei der Beerdigung seiner Mutter nicht geweint hat, der kurz danach mit Marie schwimmen gegangen ist, der ins Kino ging und lachte und der eine Beziehung führt, ohne die erwarteten Worte für Liebe zu finden.
Aus einzelnen Momenten eines Lebens entsteht vor Gericht nach und nach eine Geschichte, die erklären soll, was für ein Mensch Meursault ist.
Vielleicht beginnt genau dort eine der verstörendsten Fragen des Romans:
Wird Meursault für den Mord verurteilt – oder für den Menschen, zu dem das Gericht ihn erzählen kann?
Die Tat ist eindeutig
Auf den ersten Blick müsste der Fall vergleichsweise einfach sein. Meursault hat einen Menschen erschossen und nach dem ersten Schuss weitere Schüsse abgegeben. Es gibt also eine konkrete Tat, über die gesprochen werden kann, und man könnte fragen, was geschehen ist, welche Verantwortung Meursault trägt und wie diese Tat rechtlich zu beurteilen ist.
Doch die Gerichtsverhandlung bewegt sich zunehmend über diese Fragen hinaus und beginnt, Meursaults Vergangenheit zu vermessen.
Dabei interessieren vor allem jene Momente, in denen er sich anders verhalten hat, als seine Umwelt es offenbar von ihm erwartet hätte. Seine Mutter ist gestorben, und Meursault hat bei ihrer Beerdigung nicht geweint. Er hat Kaffee getrunken und geraucht. Kurz darauf trifft er Marie, geht mit ihr schwimmen, besucht mit ihr das Kino und verbringt Zeit mit ihr.
All diese Dinge sind geschehen und werden im Prozess zu Bestandteilen einer Geschichte über Meursault. Doch bevor man diese Geschichte übernimmt, lohnt sich eine einfache Frage:
Was haben sie mit dem erschossenen Mann zu tun?
Marie war nicht am Strand
Der Konflikt, der schließlich zum Mord führt, beginnt nicht mit Marie. Er hängt vielmehr mit Meursaults Bekanntschaft zu Raymond zusammen und mit dessen Konflikten, in die Meursault zunehmend hineingezogen wird.
Marie ist nicht die Ursache dieses Konflikts. Sie hat mit dem getöteten Mann nichts zu tun und kann über die eigentliche Tat kaum etwas sagen.
Und trotzdem wird ihre Beziehung zu Meursault im Prozess plötzlich wichtig.
Nicht weil Marie etwas über den Mord weiß, sondern weil sie etwas über Meursault erzählen kann.
Sie kann erzählen, dass sie kurz nach dem Tod seiner Mutter gemeinsam schwimmen waren, dass sie ins Kino gingen und miteinander lachten. Aus der Perspektive des Gerichts scheint darin etwas moralisch Belastendes zu liegen, denn ein Sohn, dessen Mutter gerade gestorben ist, sollte sich offenbar anders verhalten. Er sollte trauern oder zumindest so aussehen, als würde er trauern.
Wenn er das nicht tut, beginnt ein Verdacht zu wachsen.
Vielleicht fehlt diesem Menschen etwas, das andere Menschen besitzen. Vielleicht ist seine ungewöhnliche Reaktion auf den Tod seiner Mutter Ausdruck einer tieferen Gefühllosigkeit, und vielleicht lässt sich aus dieser vermeintlichen Gefühllosigkeit schließlich erklären, warum derselbe Mensch später in der Lage war, einen anderen zu töten.
So entsteht nachträglich eine Verbindung zwischen Ereignissen, die zunächst nur nebeneinanderstanden. Die Mutter, die Beerdigung, Marie, das Vergnügen und schließlich der Mord werden zu Stationen einer einzigen moralischen Biografie.
Die einzelnen Ereignisse sind wahr.
Aber ist deshalb auch die Geschichte wahr, die aus ihnen gebaut wird?
Wenn aus Verhalten ein Wesen wird
Menschen beobachten einander ständig und versuchen aus dem Verhalten anderer zu verstehen, wer ihnen gegenübersteht. Das ist vermutlich unvermeidlich, denn wer immer wieder freundlich handelt, erscheint uns irgendwann freundlich, und wer uns wiederholt verletzt, kann uns rücksichtslos erscheinen. Aus einzelnen Handlungen entstehen Vorstellungen über Charakter, und aus diesen Vorstellungen entwickeln sich Erwartungen darüber, wie ein Mensch vermutlich auch in Zukunft handeln wird.
Doch dabei kann etwas geschehen, das im Prozess gegen Meursault besonders deutlich wird.
Eine Handlung wird irgendwann nicht mehr nur als Handlung betrachtet, sondern als Beweis für das Wesen eines Menschen.
Meursault hat bei der Beerdigung seiner Mutter nicht geweint. Das ist zunächst eine Beobachtung. Aus dieser Beobachtung entsteht jedoch die Interpretation, Meursault sei gefühllos, und aus dieser Interpretation lässt sich wiederum eine Geschichte bauen, in der ein gefühlloser Mensch selbstverständlich auch zu anderen gefühllosen Handlungen fähig erscheint.
Plötzlich steht der Mord nicht mehr allein.
Er passt jetzt zu dem Menschen, den das Gericht zuvor aus Meursaults Verhalten konstruiert hat.
Der Mann, der seine Mutter nicht auf die erwartete Weise betrauert hat, wird zu einem Mann, von dem man sich im Nachhinein vorstellen kann, dass er einen anderen Menschen erschießt. Seine Biografie bekommt dadurch eine Richtung, und alles, was vorher geschehen ist, scheint plötzlich auf diese eine Tat zuzulaufen.
Zumindest im Rückblick.
Der Täter muss zum Verbrechen passen
Vielleicht brauchen Menschen solche Geschichten, weil eine Welt, in der schreckliche Taten von eindeutig schrecklichen Menschen begangen werden, auf eine seltsame Weise beruhigend ist.
Dann besitzt das Böse eine Vorgeschichte. Man hätte es vielleicht erkennen können, wenn man nur aufmerksam genug gewesen wäre. Es gab Zeichen, Auffälligkeiten und Momente, die bereits zeigten, dass dieser Mensch anders war. Vielleicht war er schon immer kalt, gefühllos oder unfähig zu lieben, und dann erscheint die spätere Tat nur noch als letztes Kapitel einer Geschichte, deren Anfang wir nachträglich gefunden haben.
Doch was geschieht, wenn es diese Geschichte nicht gibt?
Was geschieht, wenn ein Mensch etwas Entsetzliches tut und sein übriges Leben keine saubere Erklärung dafür liefert? Wenn er am Tag zuvor gegessen und geschlafen hat, mit einer Frau schwimmen war, vielleicht gelacht und über vollkommen gewöhnliche Dinge gesprochen hat, ohne dass sich diese einzelnen Teile seines Lebens zu einer psychologischen Linie zusammensetzen lassen, die zuverlässig auf den Mord zuläuft?
Vielleicht wäre gerade das schwerer auszuhalten.
Denn dann könnten wir den Täter nicht mehr so einfach aus der Welt der gewöhnlichen Menschen entfernen.
Vielleicht liegt darin eine Versuchung des Gerichts in Der Fremde. Es urteilt nicht mehr nur über Meursaults Handlung, sondern produziert zugleich eine Figur, zu der diese Handlung passt.
Was darf ein Gericht über einen Menschen wissen wollen?
Ein Gericht muss einen Menschen beurteilen, denn ohne eine Auseinandersetzung mit den Umständen einer Tat kann es kaum zu einem Urteil kommen. Es muss fragen, ob jemand vorsätzlich gehandelt hat, welche Motive eine Rolle spielten, ob eine Tat geplant war und welche Verantwortung der Angeklagte dafür trägt.
Doch im Prozess gegen Meursault scheint sich der Gegenstand dieser Untersuchung zu verschieben.
Plötzlich geht es darum, wie ein guter Sohn trauert, wann ein Mensch nach dem Tod seiner Mutter wieder lachen darf, wie Liebe klingen muss und welche Gefühle sichtbar gezeigt werden müssen, damit andere glauben, dass sie überhaupt vorhanden sind.
Meursault wird damit nicht mehr nur daran gemessen, was er getan hat. Er wird zunehmend daran gemessen, ob sein Innenleben für andere verständlich erscheint und ob sein Verhalten den gesellschaftlichen Vorstellungen eines moralisch empfindenden Menschen entspricht.
Dass Meursault bei der Beerdigung seiner Mutter nicht weint, sagt zunächst zuverlässig nur etwas darüber aus, dass er nicht weint. Ob er deshalb seine Mutter nicht geliebt hat, lässt sich daraus schon sehr viel weniger sicher ableiten.
Und selbst wenn er sie nicht geliebt hätte, bliebe noch immer die entscheidende Frage:
Was würde das über seine Schuld am Tod eines anderen Menschen aussagen?
Vielleicht liegt die eigentliche Grenzüberschreitung des Prozesses deshalb dort, wo aus der Beurteilung einer Tat allmählich die Beurteilung eines ganzen Menschen wird.
Du musst einen Sinn ergeben
Meursault scheint für seine Umwelt nicht nur deshalb irritierend zu sein, weil er einen Menschen getötet hat. Er irritiert auch deshalb, weil er sich einer bestimmten Form von Erklärung entzieht und nicht zuverlässig jene Gefühle liefert, die andere in einer bestimmten Situation von ihm erwarten.
Wenn Marie wissen möchte, ob er sie liebt, antwortet er nicht mit einer romantischen Erzählung über seine Gefühle. Wenn seine Mutter stirbt, führt er die erwartete Trauer nicht sichtbar auf. Und auch seine eigene Tat fügt sich nicht ohne Weiteres in eine große Erzählung über Hass, Leidenschaft oder Rache.
Das macht ihn nicht unschuldig.
Meursault hat einen Menschen getötet, und die Fragwürdigkeit der psychologischen Geschichte, die das Gericht über ihn konstruiert, nimmt ihm nicht die Verantwortung für diese Tat.
Aber vielleicht verweigert der Roman uns etwas anderes: die beruhigende Vorstellung, dass Verantwortung und Erklärung dasselbe sein müssen.
Wir können wissen, dass ein Mensch etwas getan hat, ohne deshalb vollständig zu wissen, wer dieser Mensch ist. Wir können eine Tat beurteilen, ohne automatisch aus ihr und einigen ausgewählten Episoden seines Lebens eine abschließende Wahrheit über seinen Charakter ableiten zu können.
Vielleicht hält das Gericht genau diese Lücke nicht aus.
Es muss sie schließen.
Meursault muss einen Sinn ergeben.
Aus wahren Einzelheiten kann eine falsche Geschichte entstehen
Vielleicht liegt darin eine der gefährlichsten Fähigkeiten des Menschen: Wir müssen nicht unbedingt lügen, um eine Geschichte zu erzählen, die möglicherweise nicht stimmt.
Manchmal genügt es, wahre Dinge miteinander zu verbinden.
Meursaults Mutter ist gestorben. Er hat bei ihrer Beerdigung nicht geweint. Kurz darauf war er mit Marie schwimmen und ist mit ihr ins Kino gegangen. Später hat er einen Menschen erschossen.
Jede dieser Aussagen kann für sich wahr sein.
Doch zwischen diesen Tatsachen entsteht im Gerichtssaal eine Verbindung, und diese Verbindung ist selbst keine Tatsache mehr.
Sie ist eine Erzählung.
Vielleicht sogar eine ausgesprochen überzeugende.
Genau deshalb besitzt sie so viel Macht.
Sobald einzelne Ereignisse in einer bestimmten Reihenfolge erzählt werden, beginnen sie scheinbar, einander zu erklären. Was vorher lediglich nebeneinanderstand, läuft plötzlich aufeinander zu. Der Mensch bekommt eine Biografie, die Biografie bekommt ein Muster, und das Muster bekommt ein Ende, das im Rückblick beinahe unausweichlich erscheint.
Aber vielleicht war es das nie.
Die Versuchung der Kohärenz
Wir mögen Geschichten, in denen Dinge zusammenpassen, und vielleicht brauchen wir sie sogar, weil ein Ereignis ohne Erklärung uns unruhig zurücklässt.
Deshalb suchen wir nach Ursachen, Mustern und Zusammenhängen. Wir fragen, warum ein Mensch geworden ist, wie er ist, und suchen Antworten in seiner Kindheit, seinen Beziehungen, seinen Verletzungen und seinen Entscheidungen.
Manchmal finden wir dabei tatsächlich Zusammenhänge.
Menschen haben Geschichten, Erfahrungen prägen uns, und Vergangenheit wirkt in die Gegenwart hinein.
Doch die Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen, besitzt eine gefährliche Schwester: die Fähigkeit, Zusammenhänge herzustellen, die vielleicht überzeugend klingen, ohne deshalb tatsächlich zu existieren.
Das muss nicht absichtlich geschehen und auch keine bewusste Lüge sein. Manchmal genügt es, dass eine Geschichte, sobald sie gut genug erzählt ist, selbstverständlich erscheint.
Vielleicht geschieht genau das mit Meursault.
Sein Leben wird vom Mord aus rückwärts gelesen, und dadurch erscheint plötzlich alles, was vorher geschehen ist, als mögliches Vorzeichen einer Tat, die zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht geschehen war.
Und der Tote?
Während das Gericht immer genauer wissen möchte, was für ein Mensch Meursault ist, geschieht im Roman etwas anderes, das kaum weniger verstörend ist.
Über den Menschen, den Meursault getötet hat, erfahren wir fast nichts.
Er bleibt der Araber.
Er bekommt keinen Namen, kaum eine Biografie und kein Innenleben, das für uns sichtbar würde. Wir erfahren nichts von einer Mutter, deren Beziehung zu ihm untersucht werden könnte, von einer Marie in seinem Leben oder von den Gedanken, mit denen er an jenem Tag an den Strand gekommen ist.
Während Meursault bis in die Einzelheiten seines emotionalen Verhaltens hinein vermessen wird, bleibt der Getötete beinahe eine Leerstelle.
Auch darin steckt eine merkwürdige Verschiebung.
Der Prozess beschäftigt sich immer intensiver mit der Frage, ob Meursault ein guter Sohn war, während der Mensch, dessen Leben tatsächlich beendet wurde, fast vollständig aus der Geschichte verschwindet.
An dieser Stelle lässt sich der koloniale Kontext des französischen Algeriens kaum ausblenden. Meursault gehört zur europäischen Siedlergesellschaft, während der Getötete zur arabischen Bevölkerung Algeriens gehört. Seine Namenlosigkeit kann deshalb zumindest die Frage aufwerfen, wessen Individualität innerhalb einer kolonial geprägten Welt überhaupt erzählenswert erscheint.
Vielleicht liegt hier ein zweiter blinder Fleck.
Während alle versuchen, Meursaults Menschlichkeit zu beurteilen, wird die Individualität seines Opfers kaum sichtbar.
Der eine Mensch bekommt zu viel Geschichte, während der andere beinahe keine bekommt.
Wer erzählt hier eigentlich wen?
Ein Gericht muss urteilen. Es muss Tatsachen ordnen, Zeugenaussagen bewerten und Zusammenhänge herstellen, und ganz ohne eine Form von Erzählung wird das vermutlich kaum möglich sein.
Doch irgendwann lohnt es sich zu fragen, wann aus dem Ordnen von Tatsachen eine Geschichte über einen Menschen wird und wer die Macht besitzt, diese Geschichte zur maßgeblichen Erklärung seiner Person zu machen.
Meursault erzählt sich selbst kaum.
Das Gericht übernimmt diese Aufgabe für ihn und erklärt ihm und allen anderen, wer er ist: der gefühllose Sohn, der moralisch gleichgültige Mann, der Mensch, dessen früheres Verhalten nachträglich zu seiner späteren Tat passt.
Vielleicht ist das eine besondere Form von Macht. Nicht nur darüber zu bestimmen, wie eine Tat beurteilt wird, sondern zugleich die Geschichte zu erzählen, durch die dieses Urteil selbstverständlich erscheint.
Und vielleicht liegt genau darin eine der verstörendsten Bewegungen in Der Fremde.
Meursault hat einen Menschen getötet. Diese Tatsache verschwindet nicht, nur weil die Geschichte, die das Gericht über ihn erzählt, fragwürdig erscheint. Seine Verantwortung für die Tat bleibt bestehen.
Doch vielleicht müssen wir deshalb noch lange nicht jede Erklärung akzeptieren, die aus seinem übrigen Leben nachträglich auf diese Tat zuläuft.
Denn zwischen zwei wahren Ereignissen kann eine Linie gezogen werden, ohne dass diese Linie vorher existiert hat.
Meursaults Mutter ist gestorben.
Meursault hat nicht geweint.
Meursault war mit Marie schwimmen.
Meursault hat später einen Menschen getötet.
Vielleicht besteht die eigentliche Versuchung darin, aus diesen Tatsachen einen Menschen zu erschaffen, der schon immer derjenige gewesen sein muss, der am Ende am Strand den Abzug drückt.
Dann wäre die Geschichte geschlossen.
Der Täter würde zur Tat passen.
Und wir müssten uns nicht mehr mit der sehr viel unangenehmeren Möglichkeit beschäftigen, dass wir manchmal wissen können, was ein Mensch getan hat, ohne deshalb vollständig zu wissen, wer dieser Mensch ist.
Ausgangspunkt
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