Der Mops war schuld

06.09.2026

Über alte Gewissheiten, neue Vorlieben und das Vergnügen, sich selbst nicht endgültig zu kennen

Eigentlich sollte es ein anderes Buch werden, doch das war nicht da. Dafür lag dort ein orangefarbenes Herbstbuch mit Farbschnitt. Nun kann man Farbschnitte mögen oder sie für eine jener Erfindungen halten, bei denen der Buchmarkt beschlossen hat, dass selbst geschlossene Bücher noch dekorativ sein müssen.

Auf diesem Farbschnitt war ein Mops – und das Buch kam mit.

Man könnte also sagen: Der Mops war schuld. Das wäre allerdings eine bemerkenswert großzügige Auslegung der Tatsachen, denn niemand zwang mich. Im Gegenteil: Das Buch brachte gleich mehrere Eigenschaften mit, bei denen ein ziemlich zuverlässiges inneres Ordnungssystem längst entschieden hatte: nicht meins.

Ich sah es an und dachte offenbar trotzdem: ja. Anders gesagt: Ich bin freiwillig in Troja eingebrochen und habe das Pferd geklaut.

Vielleicht hätte mich das bereits misstrauisch machen sollen, denn Bücher haben manchmal eine merkwürdige Nebenwirkung: Sie bleiben nicht dort, wo man sie vernünftigerweise vermuten würde – zwischen zwei Buchdeckeln.

Plötzlich läuft die Playlist eines Romans auch außerhalb der Lektüre. Dinge, die darin vorkommen, wirken erstaunlich verlockend, und man entdeckt Getränke, Gerüche, Gegenstände oder Rituale, nach denen man vorher nie gesucht hätte. Manchmal geschieht noch etwas anderes: Ein Buch macht Lust auf weitere Bücher, und zwar nicht nur auf ähnliche, sondern ausgerechnet auf jene, bei denen man bisher ziemlich sicher war, dass sie einen nicht interessieren.

Thriller, Krimis, Fantasy – ganze Genres können über Jahre mit einem inneren "eigentlich nicht" versehen sein. Und plötzlich steht hinter diesen alten Antworten ein kleines Fragezeichen.

Vielleicht ist genau das interessanter als die Frage, ob am Ende tatsächlich ein Thriller, ein Krimi oder sieben Bände Fantasy gelesen werden. Denn irgendwann im Leben entstehen solche Sätze fast von selbst: Das mag ich. Das mag ich nicht. Das interessiert mich. Das ist nichts für mich.

Wir brauchen solche Sätze, denn niemand kann jeden Morgen sämtliche Vorlieben neu verhandeln. Erfahrungen werden zu Orientierung. Wir wissen ungefähr, welche Bücher wir aus dem Regal ziehen, welche Filme wir ansehen, welche Musik wir hören und womit wir unsere Zeit lieber nicht verbringen.

Aber irgendwo auf diesem Weg kann etwas Unauffälliges geschehen: Aus "Das mochte ich bisher nicht" wird "So etwas mag ich nicht."

Der Unterschied ist klein und zugleich ziemlich groß, denn der erste Satz beschreibt Erfahrung, während der zweite auch die Zukunft beansprucht.

Vielleicht liegt darin eine der unscheinbareren Formen, in denen wir unser Leben ordnen. Wir sammeln nicht nur Erfahrungen, sondern machen aus ihnen nach und nach eine Vorstellung davon, wer wir sind. Wir halten bestimmte Dinge für passend und andere für unpassend, manche für interessant und andere für ausgeschlossen.

Solche Vorstellungen sind wichtig. Manche benennen Grenzen, die gute Gründe haben, andere helfen schlicht dabei, aus einer unüberschaubaren Welt überhaupt auswählen zu können. Nur sind nicht alle dieser Vorstellungen für die Ewigkeit gemacht.

Manche sind schlicht alte Informationen über uns selbst.

Alte Informationen haben eine merkwürdige Eigenschaft: Wenn man sie lange genug nicht überprüft, beginnen sie wie Wesensmerkmale auszusehen. Dabei muss etwas, das einmal stimmte, nicht falsch gewesen sein, nur weil es irgendwann nicht mehr stimmt.

Vielleicht passte ein bestimmtes Genre früher tatsächlich nicht, vielleicht war eine bestimmte Art von Musik uninteressant, vielleicht gab es Dinge, für die weder Zeit noch Neugier vorhanden waren. Das frühere Nein muss kein Irrtum gewesen sein, und trotzdem darf es irgendwann wieder zu einer Frage werden.

Vielleicht verwechseln wir Beständigkeit manchmal mit Identität, als müsse die Person, die sich selbst kennt, zuverlässig dieselben Dinge mögen, dieselben Entscheidungen treffen und dieselben Abneigungen pflegen.

Doch Selbsterkenntnis ist keine Selbstverpflichtung.

Zu wissen, wer man ist, kann nicht bedeuten, für den Rest seines Lebens der Mensch bleiben zu müssen, den man einmal kennengelernt hat. Das wäre weniger Identität als eine Art Bestandsschutz für eine frühere Version des eigenen Selbst.

Vielleicht braucht es deshalb manchmal etwas vollkommen Unbedeutendes, um eine kleine Störung in dieses System zu bringen. Es braucht keinen Neubeginn, keine Reise ans andere Ende der Welt und auch keine Liste mit fünfzig Dingen, die man unbedingt getan haben muss, bevor man stirbt.

Manchmal reicht offenbar ein Mops.

Interessant ist dabei nicht, ob aus einem unerwarteten Interesse sofort eine neue Leidenschaft wird. Das wäre nur die nächste Festlegung: Wer gestern überzeugt war, keine Thriller zu lesen, muss sich morgen nicht zum Thrillerleser erklären.

Vielleicht wird ein Buch nach sechzig Seiten wieder zugeklappt, vielleicht gefällt es überraschend gut, vielleicht bestätigt es sämtliche Vorurteile, die man vorher hatte. Entscheidend ist nur, dass für einen Moment hinter dem alten "Das ist nichts für mich" wieder ein Fragezeichen stehen darf.

Vielleicht liegt darin auch der eigentliche Reiz von Bucketlists. Normalerweise steckt schon im Wort eine gewisse Drohung, denn eine Bucketlist ist im Grunde eine To-do-Liste mit Endlichkeitsproblem: All das soll noch erledigt werden, bevor irgendwann nichts mehr erledigt werden kann.

Man kann sogar Freizeit in Arbeit verwandeln, wenn man nur genügend Kästchen daneben druckt.

Eine solche Liste lässt sich aber auch anders lesen: nicht als Auftrag, sondern als Speisekarte der Möglichkeiten. Darauf können Dinge stehen, auf die man von selbst vielleicht gerade nicht gekommen wäre – alberne Dinge, kleine Dinge, Dinge, die keinen Nutzen haben und zu keinem größeren Ziel führen.

Statt die Liste abzuarbeiten, lässt sie sich dann mit einer viel einfacheren Frage betrachten: Was davon möchte ich eigentlich gerade?

Die Antwort darf auch "nichts" lauten. Vielleicht ist es aber etwas, von dem man bis vor Kurzem noch überzeugt war, dass man es niemals tun würde. Dann sind die Kästchen keine kleinen quadratischen Vorgesetzten, die kontrollieren, ob eine Jahreszeit ordnungsgemäß genutzt wurde, sondern erinnern lediglich daran, dass es Möglichkeiten gibt.

Vielleicht ist das überhaupt eine unterschätzte Freiheit des Erwachsenenlebens: sich selbst gelegentlich wieder unbekannt werden zu dürfen.

Kinder dürfen das ganz selbstverständlich. Was gestern uninteressant war, kann heute unbedingt ausprobiert werden; was vor einem Jahr wichtig war, kann verschwinden. Neue Vorlieben müssen nicht erst mit einer konsistenten Selbsterzählung vereinbart werden.

Erwachsene dagegen erzählen sich leicht als weitgehend abgeschlossene Figuren. Wir kennen unseren Geschmack, unsere Gewohnheiten, unsere Abneigungen und unsere Genres, und all das gibt Orientierung. Ein stabiles Selbstbild könnte jedoch nicht nur die Fähigkeit brauchen zu sagen: Ich weiß, wer ich bin, sondern ebenso die Freiheit, nicht bleiben zu müssen, wer man einmal herausgefunden hat zu sein.

Das bedeutet nicht, sich permanent neu zu erfinden. Vielleicht bedeutet es gerade, sich nicht aus jeder neuen Vorliebe sofort eine neue Identität bauen zu müssen. Etwas darf ausprobiert werden, ohne Konsequenz, ohne Optimierung und ohne daraus gleich eine Entwicklungsgeschichte zu machen.

Literatur kann solche kleinen Verschiebungen auf merkwürdigen Umwegen auslösen. Manchmal verändert ein Buch eine Überzeugung, manchmal gibt es Worte für etwas, das längst da war, und manchmal tut es etwas viel Unspektakuläreres: Es erzeugt Lust.

Das kann die Lust auf einen Song sein, auf einen Geschmack oder einen Ort, auf einen vollkommen unnötigen Gegenstand, auf ein anderes Buch oder sogar auf ein Genre, an dem man jahrelang vorbeigegangen ist. Es ist zunächst nicht mehr als die Lust auf eine Möglichkeit.

Dann bleibt eine Geschichte nicht zwischen zwei Buchdeckeln, sondern ragt ein kleines Stück ins Leben hinein. Vielleicht verändert sie dort überhaupt nichts Großes und verschiebt nur einen Gegenstand um wenige Zentimeter – aber plötzlich sieht der Raum anders aus.

Nicht jede neue Möglichkeit muss bleiben, und nicht jedes Fragezeichen braucht eine Antwort. Vielleicht genügt es, wenn zwischen all den Dingen, von denen wir ziemlich genau wissen, dass sie zu uns gehören, ein paar auftauchen dürfen, bei denen wir es noch nicht wissen.

Denn vielleicht besteht Treue zu sich selbst nicht darin, dieselben Dinge zu mögen wie früher, sondern darin, auch heute noch wahrzunehmen, was einen gerade anlacht.

Und manchmal ist das eben ein Buch mit einem Mops auf dem Farbschnitt.

Der Mops war schuld. ;) 

Regal
1 – Ich

Verwandte Buchseiten
The Autumn Love Arrangement – Nicole Alfa

Zur Übersicht
Regal 1 – Ich · Essay-Archiv