Curd berät alle

20.07.2026

Curd berät alle

Es gibt Figuren, die zu einem literarischen Universum gehören.

Und es gibt Curd Jürgens.

Curd Jürgens gehört inzwischen offenbar zu allen.

Man kann bei Lesespuren mit Anna Karenina beginnen, über Aristoteles nach dem guten Leben fragen, bei C. G. Jung die Individuation streifen und schließlich in der Apostelgeschichte landen.

Irgendwann sitzt Curd Jürgens mit am Tisch.

Niemand weiß genau, wer ihn eingeladen hat.

Aber er ist da.

Aristoteles erklärt gerade, dass ein gelungenes Leben nicht aus einzelnen glücklichen Augenblicken besteht, sondern aus einer bestimmten Art zu leben.

Curd hört sich das eine Weile an.

"Verstehe", sagt er.

Stoner sitzt daneben und blickt auf sein Leben zurück.

"Und Sie?", fragt Curd.

Stoner sagt nichts.

Erich Fromm möchte anmerken, dass Liebe eine Tätigkeit sei und keine passive Erfahrung.

Anna Karenina schaut aus dem Fenster.

Paulus berichtet von Damaskus.

Kohelet hält ohnehin alles für Windhauch.

Curd bestellt etwas zu trinken.

Dann beginnt er zu beraten.

Nicht laut.

Nicht aufdringlich.

Aber mit jener Selbstverständlichkeit eines Mannes, der offenbar davon ausgeht, dass zweitausend Jahre Philosophiegeschichte vor allem deshalb stattgefunden haben, weil niemand ihn rechtzeitig gefragt hat.

"Sie", sagt er zu Aristoteles, "denken zu viel über das gute Leben nach."

Aristoteles hebt eine Augenbraue.

"Und Sie", sagt Curd zu Anna Karenina, "sollten vielleicht nicht jede Entscheidung sofort treffen."

Tolstoi protestiert.

Curd ignoriert ihn.

Paulus möchte etwas über Berufung sagen.

"Später."

Jung beginnt mit dem Schatten.

"Herr Professor, wir haben hier bereits genug Probleme."

Es ist vermutlich der einzige Moment in der Geschichte von Lesespuren, in dem Carl Gustav Jung zum Schweigen gebracht wird.

Nur Kohelet sitzt noch immer da.

Curd betrachtet ihn.

Kohelet betrachtet Curd.

"Alles ist Windhauch", sagt Kohelet.

Curd nickt langsam.

Zum ersten Mal an diesem Abend scheint er nichts hinzufügen zu wollen.

Vielleicht liegt darin das eigentliche Geheimnis seiner universellen Beratungstätigkeit.

Curd Jürgens löst die großen Fragen des Lebens nicht.

Er sitzt nur so überzeugend am Tisch, dass für einen kurzen Moment alle glauben, er könnte es.

Und vielleicht braucht jedes große Denknetz genau so jemanden.

Einen Menschen, der zwischen Aristoteles und Anna Karenina sitzt, während Paulus von Damaskus erzählt und Stoner schweigt.

Einen, der den Überblick längst verloren hat.

Aber niemals die Haltung.

Curd berät alle.

Ob jemand ihn darum gebeten hat, ist eine andere Frage.

Regal
5 – Leben Leise Lebensformen

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