Bullerbü aus Sicht der Frau, deren Küche Bullerbü ist

07.09.2026

Kinder auf dem Dorf können erstaunlich überzeugend behaupten, dass dort überhaupt nichts los sei. Nicht einfach ein bisschen wenig, sondern wirklich gar nichts. Eine existenzielle Form der Langeweile, vorgetragen mit jener Dramatik, zu der Kinder ab einem gewissen Alter offenbar ganz selbstverständlich befähigt sind.

Währenddessen klingelt es. Ein Kind kommt herein, ein anderes geht hinaus. Zwei wollen gerade nicht mehr miteinander spielen und sitzen zehn Minuten später wieder nebeneinander. Jemand zieht weiter, jemand bringt Verstärkung mit, und irgendwann hat sich die ursprüngliche Zusammensetzung der Gruppe so oft verändert, dass kaum noch nachvollziehbar ist, welche Verabredung eigentlich der Ausgangspunkt gewesen war.

An manchen Tagen erfährt man nebenbei von anderen Erwachsenen, wo die eigene Dorfjugend inzwischen aufgetaucht ist. Nicht unbedingt, weil jemand nach ihr gesucht hätte. Es ergibt sich einfach. Damit weiß wenigstens irgendein Erwachsener ungefähr, wo sich die Kinder gerade befinden.

Die offene Tür

Ich mag das eigentlich. Ich mag es, dass Kinder klingeln, dass Freunde selbstverständlich vor der Tür stehen und Verabredungen nicht drei Wochen vorher zwischen Erwachsenen über Kalender koordiniert werden müssen. Ich mag dieses Kommen und Gehen.

Zumindest als Idee.

Denn Bullerbü sieht aus Kinderperspektive anders aus als aus Sicht der Frau, deren Küche Bullerbü ist.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum Astrid Lindgrens Die Kinder aus Bullerbü ein so starkes Bild von Kindheit hinterlassen konnte. Die Welt gehört dort zunächst den Kindern. Sie gehen von Hof zu Hof, finden einander, streiten, spielen, erfinden Unternehmungen und erleben ihre Umgebung als einen Raum, in dem sie sich selbstverständlich bewegen können. Die Erwachsenen sind da, aber sie stehen nicht ununterbrochen mitten im Bild.

Als Kind nimmt man das hin. Natürlich kann man zum nächsten Hof laufen. Natürlich ist irgendwo jemand. Natürlich gibt es Häuser, Mahlzeiten und Erwachsene im Hintergrund. Erst viel später fällt auf, wie viel Verlässlichkeit eine Welt braucht, damit Kinder sie als Freiheit erleben können.

Für Kinder bedeutet diese Art von Alltag, dass meistens irgendwo jemand ist. Man kann rübergehen, jemanden holen, sich streiten und wenig später wieder zusammensitzen. Man kann draußen verschwinden, anderswo wieder auftauchen und zwischendurch neue Pläne entwickeln, von denen die zuständigen Erwachsenen erst erfahren, wenn sie längst umgesetzt werden.

Aus Sicht der Küche bedeutet dieselbe Freiheit allerdings, dass ebenfalls meistens irgendwo jemand ist. Jemand hat Hunger oder Durst, jemandem ist langweilig, jemand möchte etwas unternehmen, jemand hat eine Idee, für deren Umsetzung erstaunlicherweise eine erwachsene Person benötigt wird, und irgendwann stellt man fest, dass die eigene Wohnung seit Stunden als Hauptquartier einer ständig wechselnden Kindergruppe dient.

Das offene Haus ist aus Kinderperspektive Freiheit. Aus Erwachsenenperspektive ist es gelegentlich vor allem sehr voll.

Wem gehört eigentlich welches Kind?

Vielleicht ist das Merkwürdige an solchen Nachmittagen, dass Verantwortung in einem Dorf nicht verschwindet. Sie wandert.

Wenn die Kinder irgendwann nach draußen ziehen, wird es im eigenen Haus plötzlich stiller. Dafür hört man sie nun aus der Entfernung. Und manchmal hört man kurz darauf eine Nachbarin oder einen Nachbarn, die oder der offenbar gerade die nächste Schicht übernommen hat und hörbar feststellt, was diese Bande nun wieder treibt.

Es gibt dieses Paradox der Großstadt, dass sehr viele Menschen anwesend sein können und sich trotzdem niemand zuständig fühlt. Das Dorf scheint mitunter nach einem anderen Prinzip zu funktionieren. Hier muss man Kinder nicht einmal sehen, um ungefähr zu wissen, wo sie sind. Man hört entweder die Kinder selbst oder einen Erwachsenen, der ihretwegen gerade die Nerven verliert. Beides sind erstaunlich brauchbare Standortmeldungen.

Das bedeutet allerdings nicht, dass alle Erwachsenen gemeinsam alle Kinder erziehen. Gerade darin liegt für mich ein wichtiger Unterschied. Andere Familien haben andere Regeln, und nicht jedes Kind, das durch eine fremde Haustür kommt, wird dadurch zum Erziehungsauftrag der Menschen dahinter.

Gleichzeitig bleibt ein Haus ein eigener Raum. Wer dort zu Gast ist, trifft auf die Grenzen der Menschen, die darin leben. Gemeinschaft bedeutet nicht, dass Zuständigkeiten verschwimmen müssen. Vielleicht funktioniert sie gerade dann gut, wenn beides nebeneinander bestehen kann: Ich bin nicht für dich verantwortlich wie für mein eigenes Kind, aber solange du hier bist, bist du auch nicht vollkommen außerhalb meiner Aufmerksamkeit.

Die unsichtbare Arbeit hinter Bullerbü

Als Kind liest man Geschichten über solche Kindheiten und sieht Freiheit: Kinder, die von Haus zu Haus laufen, Freunde gleich nebenan, Geschwister, Wiesen, Gärten und Nachbarn. Irgendwo gibt es etwas zu essen, irgendwo sitzt ein Erwachsener, und irgendjemand weiß ungefähr, wo man ist.

Was man als Kind nicht sieht, ist die Infrastruktur dahinter.

Jemand hat eingekauft und gekocht, jemand räumt hinterher auf, jemand beantwortet die Tür und hält Lärm aus. Jemand entscheidet, wann noch ein Kind willkommen ist und wann nicht mehr. Jemand hört sich die nächste großartige Idee an und sagt gelegentlich schlicht Nein. Und irgendwann sagt jemand, dass jetzt bitte alle nach draußen gehen sollen.

Draußen trifft die Gruppe dann womöglich auf den nächsten Erwachsenen, der bereits mitbekommen hat, dass sie da ist.

Vielleicht lohnt es sich deshalb, neben Lindgren auch Christine Nöstlinger zu lesen. In Wir pfeifen auf den Gurkenkönig ist Familie keine harmonische Kulisse, die geräuschlos funktioniert, während Kinder ihre Abenteuer erleben. Erwachsene und Kinder sind widersprüchlich, gereizt, komisch, ungerecht und miteinander verstrickt. Familie darf dort ein Ort sein, an dem Menschen einander lieben und sich trotzdem gehörig auf die Nerven gehen.

Das ist vielleicht die weniger idyllische Ergänzung zu Bullerbü. Eine gute Kindheit muss nicht daran erkennbar sein, dass die Erwachsenen in ihr unendlich geduldig sind. Vielleicht darf man sogar misstrauisch werden, wenn in unserer Vorstellung von glücklicher Kindheit die Erwachsenen überhaupt keine eigenen Bedürfnisse mehr besitzen.

Die Freiheit von Kindern fällt nicht vom Himmel. Sie braucht Erwachsene, die Räume offenhalten, aber vermutlich braucht sie genauso Erwachsene, die diese Räume gelegentlich wieder schließen.

Eine Kindheit darf anstrengend sein

Bindungsorientierung wird manchmal merkwürdig missverstanden, als müsse ein liebevoll begleitetes Kind möglichst selten an die Grenze eines Erwachsenen stoßen. Dabei gehört auch diese Grenze zu einer Beziehung zwischen wirklichen Menschen.

Man kann Kinder mögen und trotzdem irgendwann keine Kinder mehr in der eigenen Wohnung ertragen. Man kann sich darüber freuen, dass das eigene Haus ein Treffpunkt ist, und an einem anderen Nachmittag bei jedem weiteren Klingeln innerlich zusammenzucken. Gastfreundschaft verpflichtet nicht zur grenzenlosen Verfügbarkeit, und ein offenes Haus muss kein Haus ohne Türen sein.

Vielleicht lernen Kinder dort deshalb nicht nur, dass sie willkommen sind. Sie lernen auch, dass andere Menschen Bedürfnisse haben, dass Räume geteilt werden und dass Nähe nicht bedeutet, jederzeit über einen anderen Menschen verfügen zu können.

Eine Küche darf Feierabend haben, ohne dass damit die Beziehung Feierabend macht.

Bild: Auguste Renoir: Children Playing Ball (Enfants jouant à la balle), 1900. Farblithografie. National Gallery of Art, Washington. CC0 / Public Domain.

Hier ist nichts los

Draußen hört man währenddessen weiterhin Kinderstimmen. Irgendjemand beschwert sich über irgendetwas, vermutlich wird irgendwo gestritten, und mit einiger Wahrscheinlichkeit spielen dieselben Kinder wenig später wieder miteinander.

Am nächsten Tag wird wieder irgendwo geklingelt. Eine Gruppe löst sich auf, eine andere entsteht, und irgendwann werden diese Kinder vielleicht erwachsen sein und erzählen, wie furchtbar langweilig es damals in diesem Dorf gewesen sei.

Vielleicht sitzen die Erwachsenen von heute dann in erstaunlich stillen Küchen und erinnern sich an diese angeblich ereignislose Kindheit, in der ständig irgendein Kind durch irgendeine Tür kam.

Vielleicht ist Bullerbü genau das: Für Kinder eine Welt, in der sie einfach losziehen können. Für Erwachsene dagegen ein Geflecht aus offenen Türen, zugedrückten Augen, Mahlzeiten, kurzen Absprachen, klaren Neins und Menschen in der Nachbarschaft, die irgendwann ganz selbstverständlich die nächste Schicht übernehmen.

Eine freie Kindheit braucht nicht einen Erwachsenen, der alles auffängt.

Vielleicht braucht sie ein Dorf, in dem Aufmerksamkeit wandern darf, ohne dass Verantwortung grenzenlos wird, und Häuser, deren Türen offenstehen können, weil sie sich auch wieder schließen dürfen.

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9 · Lebensformen

Denkspuren
Dorfstrukturen · Mutterschaft

Bücher in diesem Essay
Astrid Lindgren · Die Kinder aus Bullerbü
Christine Nöstlinger · Wir pfeifen auf den Gurkenkönig

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