Anna Karenina und das Problem mit dem Kopfbahnhof
Es gibt Romane, die brauchen tausend Seiten, um eine Frau vor einen Zug zu bringen.
Und dann gibt es Filme mit der völlig falschen Besetzung.
ABDRIFT
Daniil Charms hätte die Sache vermutlich kürzer erzählt.
Eine Frau namens Anna warf sich vor einen Zug.
Dann warf sich noch eine Frau namens Anna vor einen Zug.
Dann noch eine.
Als sich die sechste Anna vor einen Zug warf, verlor Charms das Interesse.
Tolstoi versuchte zu erklären, dass es sich die ganze Zeit um dieselbe Frau handelte.
Das machte die Sache nicht besser. Im Gegenteil.
Charms fand nun, dass die Geschichte eindeutig zu lang war.
Anna hingegen hatte inzwischen ein ganz anderes Problem.
Sie lag auf den Gleisen und wartete auf den Zug.
Der Zug kam.
Der Zug fuhr vorbei.
Plötzlich bemerkte Anna, dass sie hinter dem Zug lag.
Das konnte nicht stimmen.
Sie stand auf und wechselte die Seite.
Dort war auch kein Zug.
Es war ein Kopfbahnhof.
Anna setzte sich auf eine Bank.
So hatte Tolstoi sich das nicht vorgestellt.
Wronski - in seiner fiktiven Besetzung kein geringerer als Karlheinz Böhm -
wartete derweil am anderen Ende des Bahnhofs.
Er hatte Blumen dabei.
Das machte die Sache erheblich komplizierter.
Anna betrachtete ihn.
Dann betrachtete sie die Blumen.
Dann wieder ihn.
"Ich habe für dich meine gesellschaftliche Existenz aufgegeben", sagte sie.
Karlheinz Böhm sah sie an.
Anna überlegte.
"War vermutlich doch keine völlig unvernünftige Entscheidung."
Karenin, der inzwischen ebenfalls eingetroffen war, hörte das.
Er sah Karlheinz Böhm an.
Dann sah er sich selbst an.
Er konnte Annas Argumentation nicht vollständig von der Hand weisen.
Das ärgerte ihn.
Eigentlich war Karenin kein böser Mann.
Das war sein Problem.
Er war auch kein besonders guter böser Mann.
Und kein besonders entschlossener guter Mann.
Er war ein Mann, der wahrscheinlich eine Sitzung einberufen hätte, um herauszufinden, ob seine Frau ihn verlassen durfte.
Anschließend hätte er sich beraten lassen.
Von Frauen aus der Gesellschaft.
Diese Frauen wussten immer, was zu tun war.
Sie wussten, wie eine Ehe auszusehen hatte.
Sie wussten, wann eine Frau entehrt war.
Sie wussten, wann ein Mann beleidigt sein musste.
Sie wussten sogar ziemlich genau, was Karenin zu denken hatte.
Karenin war darüber ausgesprochen erleichtert.
Dann betrat Curd Jürgens den Bahnhof.
Niemand wusste, warum.
Er war für die Rolle des Karenin vorgeschlagen worden, hatte aber nach Lektüre des Drehbuchs festgestellt, dass Karenin sich beraten ließ.
Damit war die Sache erledigt.
Curd Jürgens ließ sich nicht beraten.
Curd Jürgens beriet.
Er sah Anna an.
Er sah Karlheinz Böhm an.
Er sah Karenin an.
Dann sah er auf die Gleise.
"Was ist hier los?"
Karenin begann:
"Meine Frau hat—"
Curd Jürgens hob eine Augenbraue.
Karenin verstummte.
Karlheinz Böhm versuchte es.
"Anna und ich—"
Die Augenbraue blieb oben.
Auch Karlheinz Böhm verstummte.
Das kam selten vor.
Anna sagte nichts.
Sie überlegte kurz, ob sie Curd Jürgens hätte heiraten sollen.
Vermutlich wäre dann der Roman erheblich kürzer geworden.
Vielleicht hätte es mehrere Kinder gegeben.
Reisen.
Abendgesellschaften.
Eine ausgefüllte Ehe.
Karlheinz Böhm hätte gelegentlich eine Einladung zum Dinner erhalten und sich gefragt, warum Anna ihn nie allein sprechen wollte.
Tolstoi wäre verzweifelt gewesen.
Es hätte keinen Roman gegeben.
Vielleicht eine Novelle.
"Anna Karenina fuhr mit ihrem Mann nach Venedig. Sie führten eine schwierige, aber bemerkenswert lebendige Ehe. Ende."
Die russische Literatur hätte sich davon möglicherweise nie erholt.
Karlheinz Böhm allerdings auch nicht.
Er stand noch immer mit seinen Blumen am Bahnhof.
"Anna?"
Anna sah ihn an.
Dann sah sie Curd Jürgens an.
Dann wieder Karlheinz Böhm.
Zum ersten Mal verstand sie, dass ihr eigentliches Problem möglicherweise nicht die Liebe war.
Sondern das Casting.
Daniil Charms hatte inzwischen endgültig das Interesse verloren.
Eine Frau saß auf einer Bank.
Karlheinz Böhm hielt Blumen.
Karenin ließ sich beraten.
Curd Jürgens beriet alle.
Und Tolstoi bestand weiterhin darauf, dass irgendwo ein Zug kommen müsse.
Dann kam tatsächlich einer.
Anna stand auf.
Alle hielten den Atem an.
Sie ging zum Gleis.
Der Zug hielt.
Die Türen öffneten sich.
Anna stieg ein.
"Wohin fährt der?", fragte Karlheinz Böhm.
Anna sah aus dem Fenster.
"Keine Ahnung."
"Kommst du zurück?"
Anna dachte kurz nach.
Sie sah Karlheinz Böhm an.
"Bei der Besetzung?"
Sie lächelte.
"Durchaus möglich."
Dann fuhr der Zug ab.
Charms sah ihm hinterher.
"Jetzt ist sie schon wieder hinter dem Zug", sagte er.
Und ging nach Hause.
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