Homegoing — Yaa Gyasi


Autorin: Yaa Gyasi
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Roman · Historischer Roman · Familienroman

Worum geht es?

Ghana im 18. Jahrhundert.

Effia und Esi sind Halbschwestern, ohne voneinander zu wissen. Ihre Lebenswege beginnen nur wenige Kilometer voneinander entfernt – und führen dennoch in vollkommen unterschiedliche Welten.

Effia wird mit einem britischen Sklavenhändler verheiratet und lebt im Cape Coast Castle. Unter ihr, in den Verliesen derselben Festung, wird Esi gefangen gehalten. Sie wird versklavt und nach Amerika verschleppt.

Von diesen beiden Frauen aus folgt Yaa Gyasi ihren Nachkommen über acht Generationen hinweg.

Eine Familienlinie bleibt in Ghana und erlebt Krieg, Kolonialismus und die Verwerfungen des Sklavenhandels. Die andere führt durch die amerikanische Sklaverei, den Bürgerkrieg, die Great Migration und das Leben Schwarzer Amerikaner bis in die Gegenwart.

Homegoing erzählt damit nicht nur die Geschichte einer Familie.

Der Roman verfolgt, was Geschichte mit Menschen macht, lange nachdem der ursprüngliche Moment vergangen ist.

Warum dieses Buch geblieben ist

Das Verstörende an Homegoing liegt nicht allein in dem, was einzelnen Figuren geschieht.

Es liegt in der Bewegung von einer Generation zur nächsten.

Menschen verschwinden aus der Erzählung. Neue Figuren treten an ihre Stelle. Manche wissen kaum noch etwas über diejenigen, die vor ihnen gelebt haben.

Und trotzdem beginnt kein Leben wirklich bei null.

Etwas wird weitergetragen.

Ein Verlust kann seinen Namen verlieren und dennoch eine Familie prägen. Gewalt kann längst vergangen sein und trotzdem die Möglichkeiten späterer Generationen begrenzen. Herkunft kann vergessen, verschwiegen oder gewaltsam abgeschnitten werden – ohne deshalb bedeutungslos zu werden.

Gerade durch seine große zeitliche Bewegung macht der Roman etwas sichtbar, das innerhalb eines einzelnen Lebens kaum zu erkennen wäre:

Geschichte endet nicht dort, wo ein Ereignis endet.

Sie verändert Bedingungen, Beziehungen und Möglichkeiten – und wird dadurch Teil von Leben, die erst Generationen später beginnen.

Psychologische Lesespur

Homegoing lässt sich besonders stark als Roman über transgenerationale Weitergabe lesen.

Dabei wäre es zu einfach, jede spätere Verletzung unmittelbar aus einer früheren erklären zu wollen.

Gyasi zeigt etwas Komplexeres.

Weitergegeben werden nicht nur Erinnerungen.

Weitergegeben werden auch Lebensbedingungen, Familienstrukturen, Schweigen, Verluste, soziale Positionen, Vorstellungen von Sicherheit und Zugehörigkeit – manchmal sogar dort, wo die ursprüngliche Geschichte nicht mehr bekannt ist.

Menschen tragen deshalb nicht einfach die Erfahrungen ihrer Vorfahren in sich.

Sie werden in Welten hineingeboren, die durch diese Erfahrungen bereits verändert wurden.

Vielleicht liegt darin eine der stärksten Bewegungen des Romans:

Herkunft besteht nicht nur aus dem, woran eine Familie sich erinnert.

Sie besteht auch aus dem, was geschehen ist, bevor jemand Worte dafür hatte.

Lesespuren

Dieses Buch ist ein Roman über:

Herkunft
Familie
Sklaverei
Kolonialismus
Rassismus
Erinnerung
Verlust
Zugehörigkeit
Migration
transgenerationale Weitergabe
familiäre Muster
Geschichte und ihre Nachwirkungen

Welche Erfahrung des Lebens macht dieses Buch sichtbar?

Homegoing macht sichtbar, wie wenig ein einzelnes Leben tatsächlich für sich allein beginnt.

Wir kommen in Familien, Gesellschaften und Geschichten zur Welt, die bereits vor uns existiert haben.

Manches davon kennen wir.

Anderes wurde vergessen.

Manches wurde verschwiegen.

Und manches liegt so weit zurück, dass niemand mehr erzählen könnte, wo es begonnen hat.

Trotzdem können seine Folgen gegenwärtig bleiben.

Der Roman öffnet damit eine schwierige Frage:

Wie viel von dem, was wir für unser eigenes Leben halten, hat seine Geschichte lange vor uns begonnen?

Und was verändert sich, wenn wir beginnen, diese Geschichte zu sehen?

Wenn dich dieses Buch beschäftigt hat

Wenn dich besonders die Frage interessiert, wie Herkunft über Generationen hinweg weiterwirkt, könnten von hier weitere Lesespuren führen:

Denkspur: Herkunft und Familie — über das, was Familien weitergeben, auch wenn darüber nicht gesprochen wird.

Denkspur: Krieg → Nachkrieg → Kinder — über Erfahrungen, deren Folgen nicht mit der Generation enden, die sie unmittelbar erlebt hat.

Denkspur: Cyclebreaking — über die Frage, was geschieht, wenn Menschen beginnen, übernommene Muster wahrzunehmen und nicht selbstverständlich weiterzuführen.

Regal

2 – Ich und die Welt

Denkspuren

Herkunft und Familie · Cyclebreaking · Krieg → Nachkrieg → Kinder

Essays zu diesem Buch

Noch offen.

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