Die Ladenhüterin - Sayaka Murata - Eine Rezension


Wer bestimmt eigentlich, was normal ist?

Eine Rezension zu Die Ladenhüterin von Sayaka Murata

Schon als Kind fällt Keiko Furukura aus dem Rahmen. Als sie einen toten Vogel findet, sieht sie darin keinen Anlass für Trauer, sondern kommt auf die Idee, ihn zu grillen – schließlich mag ihr Vater Hühnchen.

Mich hat an dieser Szene weniger Keikos Reaktion erschreckt als die ihrer Umgebung. Mein erster Gedanke war nicht: Was stimmt mit diesem Kind nicht? Sondern eher: Dann erklärt ihr doch eure Welt. Begleitet dieses Kind, statt sein Anderssein sofort zum Problem zu machen.

Vielleicht war ich deshalb von Anfang an auf Keikos Seite.

Als junge Frau beginnt Keiko ein Studium, weil dies dem erwarteten Lebensweg entspricht. Schließlich landet sie in einem neu eröffneten Konbini und beginnt dort zu arbeiten.

Ausgerechnet dieser bis ins Kleinste reglementierte Ort gibt ihr etwas, das ihr außerhalb davon zu fehlen scheint: eindeutige Regeln. Das Betriebshandbuch erklärt, wann gelächelt wird, wie gesprochen wird und wie man sich als Mitarbeiterin zu verhalten hat. Keiko beobachtet ihre Kolleginnen und Kollegen, übernimmt ihre Ausdrucksweisen und lernt, wie man sich in dieser Welt bewegt.

Darin liegt eines der interessanten Paradoxa des Romans.

Der Konbini normiert Keiko – und gibt ihr gleichzeitig Orientierung.

Murata macht daraus jedoch keine psychologische Fallstudie. Sie erklärt Keiko nicht aus. Stattdessen lässt sie uns ihre Wahrnehmung erleben. Und die ist häufig ausgesprochen komisch.

Das zeigt sich nicht nur beim toten Vogel. Auch als Keikos Schwester ein Kind bekommt, erschließt sich Keiko nicht selbstverständlich, warum gerade dieses Baby etwas Besonderes sein soll. Schließlich hat sie bereits das Baby einer Freundin gesehen. Die emotionale Bedeutung, die dieses konkrete Kind aufgrund der Beziehung zu ihrer Schwester besitzt, scheint für sie nicht automatisch gegeben.

Muratas Komik entsteht dabei nicht daraus, dass Keiko Witze macht. Im Gegenteil: Keikos Logik ist vollkommen ernst gemeint und in sich häufig erstaunlich konsequent.

Sie kollidiert nur regelmäßig mit sozialen Selbstverständlichkeiten, über die andere Menschen gar nicht erst nachdenken müssen.

Und genau dadurch verschiebt sich eine interessante Frage.

Nicht nur:

Warum ist Keiko so anders?

Sondern:

Was ist eigentlich normal – und wer bestimmt das?

Der gesellschaftliche Druck auf Keiko verschwindet jedenfalls nicht dadurch, dass sie im Konbini hervorragend funktioniert. Arbeiten allein genügt nicht.

Von einer erwachsenen Frau wird mehr erwartet: Partnerschaft, ein bestimmter Lebensentwurf, eine gesellschaftlich lesbare Form von Erwachsensein.

Mit Shiraha treibt Murata diese Frage schließlich ins Absurde.

Auch er ist ein Außenseiter. Auch er passt nicht in die Ordnung, in der alle anderen scheinbar mühelos ihren vorgesehenen Platz einnehmen.

Doch gemeinsames Außenseitertum erzeugt noch lange keine Gemeinsamkeit.

Während Keiko die Regeln ihrer Umgebung beobachtet, lernt und übernimmt, hadert Shiraha mit einer Gesellschaft, von der er sich selbst ausgeschlossen fühlt. Gleichzeitig reproduziert er genau deren Abwertungen.

Besonders Frauen betrachtet er durch ein groteskes Raster aus Alter, gesellschaftlichem Wert und Reproduktionsfähigkeit. Seine wiederkehrenden Ausführungen über die Jōmon-Zeit machen das nicht weniger absurd.

Keiko und Shiraha bilden schließlich eine Zweckgemeinschaft, die nach außen eher dem entspricht, was von einem erwachsenen Leben erwartet wird.

Innerlich entsteht daraus jedoch keine tragfähige Beziehung.

Andersartigkeit allein ersetzt keine gemeinsamen Werte.

Für Keiko wird diese Konstruktion trotzdem wichtig. Nicht, weil sie durch Shiraha endlich "normal" wird, sondern weil die Anpassung an dieser Stelle an ihre Grenze gerät.

Shiraha bringt den gesellschaftlichen Druck gewissermaßen mit in ihre eigenen vier Wände. Als er schließlich das abwertet, was für Keiko Bedeutung besitzt – ihre Existenz als Konbini-Mitarbeiterin –, entscheidet sie sich gegen diese gemeinsame Lebensform und dafür, wieder in einem Konbini zu arbeiten.

Eine große Befreiungsgeschichte wird daraus nicht.

Keiko ist am Ende nicht plötzlich frei vom gesellschaftlichen Druck. Murata erzählt auch keine abgeschlossene Individuation und keinen Menschen, der nach einer großen inneren Wandlung endlich sein "wahres Selbst" gefunden hat.

Die Entwicklung ist kleiner.

Keiko setzt eine Grenze.

Vielleicht muss sie noch gar nicht vollständig beantworten können, wer sie ist. Zunächst genügt die Erkenntnis, was sie sich nicht nehmen lassen will.

Besonders schön finde ich deshalb, dass Keiko nicht einfach an ihren alten Arbeitsplatz zurückkehrt. In einem anderen Konbini nimmt sie sofort wieder wahr, was dort nicht stimmt, was geordnet werden müsste und was zu tun wäre.

Der Konbini ist längst mehr als ein bestimmter Arbeitsplatz.

Was er für Keiko genau ist, lässt sich für mich trotzdem nicht eindeutig beantworten.

Ist die Konbini-Mitarbeiterin ihr eigentliches Selbst?

Oder ist sie eine Rolle, die Keiko einst übernommen hat und die so gut funktioniert, dass sie irgendwann Teil ihres Selbst geworden ist?

Gerade diese Frage muss Murata nicht auflösen.

Vielleicht ist das eine der größten Stärken von Die Ladenhüterin: Der Roman ist absurd, sehr komisch und erstaunlich leicht zu lesen, ohne deshalb gedanklich leicht zu sein.

Ich habe ihn innerhalb kürzester Zeit verschlungen. Er funktioniert wunderbar als krass amüsanter Stoff für einen Tag am See – und war für mich nach dem Zuklappen trotzdem überhaupt nicht vorbei.

Ich kann dem Roman auch keine Schwäche andichten, nur damit diese Rezension ausgewogener klingt.

Murata führt Keikos innere Entwicklung nicht bis zu einem psychologisch ausgearbeiteten Wendepunkt oder einer abgeschlossenen Reifung. Das ist eine Grenze dessen, was dieser Roman erzählt.

Beim Lesen habe ich sie aber nicht als Mangel empfunden.

Im Gegenteil: Ich hätte schlicht gern weitergelesen.

Was bleibt?

Keiko.

Und die Frage, ob Andersartigkeit tatsächlich ein Problem ist – oder ob eine Gesellschaft zum Problem wird, wenn sie nur eine begrenzte Zahl von Antworten darauf zulässt, wie ein richtiges Leben auszusehen hat.

Vor allem aber bleibt mir das Bild von Keiko, die einen fremden Konbini betritt und beinahe augenblicklich wieder sieht, was dort zu tun ist.

Ob sie darin ihr wahres Selbst gefunden hat oder eine Rolle, die zu ihrem Selbst geworden ist, weiß ich auch nach der Lektüre nicht.

Aber vielleicht muss ich das gar nicht wissen.

Verdammt, ich hätte einfach gern noch ein bisschen mehr Keiko gehabt.

Zum Buch

Titel: Die Ladenhüterin
Autorin: Sayaka Murata
Originaltitel: Konbini ningen
Verlag: Aufbau Verlag
Erscheinungsjahr: 2018
Übersetzung: Ursula Gräfe
Seiten: 145
ISBN: 978-3-7466-3606-1

Zum Buch auf Lesespuren

Die Ladenhüterin – Buchseite


Die stille Gewalt sozialer Normalität
Über die Macht gesellschaftlicher Erwartungen und die Frage, wer eigentlich bestimmt, wie ein richtiges Leben auszusehen hat.
→ Essay lesen

Der Konbini als geliehene Identität
Über Anpassung, Orientierung und die Frage, wann eine übernommene Rolle Teil des eigenen Selbst wird.
→ Essay lesen

Persona oder Gefängnis?
Über Rollen, Identität und die schwierige Grenze zwischen hilfreicher Anpassung und Selbstverlust.
→ Essay lesen

Alle Lesespuren zu diesem Buch

Auf der Buchseite zu Die Ladenhüterin finden sich weitere Essays und Denkspuren, die Muratas Roman aus unterschiedlichen Perspektiven weiterdenken.

Zur Buchseite von Die Ladenhüterin


Weiter auf Lesespuren

Rezensionen

Weitere Bücher, genauer gelesen und kritisch betrachtet.

→ Zu allen Rezensionen

Bücher

Buchseiten mit Einordnung, Resonanz und weiterführenden Lesespuren.

→ Zum Bücherregal

Essays

Gedanken, die bei Literatur beginnen und nicht immer dort bleiben.

→ Zu den Essays

Denkspuren

Kürzere Gedanken zwischen Literatur, Psychologie, Philosophie und Alltag.

→ Zu den Denkspuren

Lesespuren

Wörter. Gedanken. Spuren.